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Ko­ope­ra­tiv pro­mo­vie­ren: "Das Bes­te aus bei­den Wel­ten"

17.07.2020, We­ge in die Wis­sen­schaft :

Promovieren an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften? HNU-Absolventin Anna Wiedemann zeigt, wie ein solcher Weg aussehen kann: Die heute kurz vor der Disputation stehende Wirtschaftsinformatikerin wechselte nach ihrem Studium der Betriebswirtschaftslehre (Diplom) und des Advanced Managements (M.Sc.) zunächst in die freie Wirtschaft, um schließlich zur kooperativen Promotion an die HNU zurückzukommen.

Wir haben uns mit ihr über ihr Studium, ihre Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin und ihre Promotion unterhalten – und erfahren, warum Kooperation das Stichwort ist, das sich als roter Faden durch ihre außerhochschulische wie auch ihre wissenschaftliche Karriere zieht.

Erst vor kurzem publizierte Anna Wiedemann im renommierten European Journal of Information Systems (EJIS), führendes europäisches Fachjournal im Bereich Wirtschaftsinformatik,  zur Prozessoptimierung zwischen Softwareentwicklung und Software-Betrieb (DevOps) (öffnet neues Fenster).

Wiedemann, Anna and Wiesche, Manuel and Gewald, Heiko and Krcmar, Helmut (2020): Understanding How DevOps Aligns Development and Operations: A Tripartite Model of Intra-IT Alignment. European Journal of Information Systems: EJIS. ISSN 1476-9344.

Promovendin und HNU-Absolventin Anna Wiedemann 

Wenn ich nicht gerade forsche/arbeite, dann …
... mache ich Sport (am liebsten Ausdauersport, aber auch Sportkurse), bin auf Reisen  oder widme mich kulinarischen Dingen – ich koche liebend gerne und bringe häufig Köstlichkeiten und Rezepte von meinen Reisen mit nach Hause.

Meine aktuelle Lektüre:
„Projekt Phoenix“ von Gene Kim et al.: IT und DevOps in belletristischer Form erzählt, für alle Interessierten ein idealer Einstieg in das Thema. Auch die Fortsetzung, „Projekt Unicorn“, kann ich empfehlen!

Mein Fachgebiet in drei Worten:
serviceorientiert, agil und innovativ

Promovieren ist
... eine große Chance, persönlich und fachlich weiterzukommen. Ich würde es jederzeit wieder tun (und war tatsächlich traurig, als es vorbei war)

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Während ihres Diplomstudiums der Betriebswirtschaftslehre an der HNU stellt Anna Wiedemann schnell fest: Sie will möglichst viele unterschiedliche Einblicke gewinnen. Auf zwei Pflichtpraktika, eines im Bereich Eventmanagement bei Alfons Schuhbeck in München und eines im Deutschen Bundestag in Berlin, folgt deshalb ein weiteres, freiwilliges Praktikum an der Börse in Frankfurt am Main. „Mir war es schon immer wichtig, ein möglichst umfassendes Skillset zu haben“, erklärt die Doktorandin, die allen Studierenden empfiehlt, insbesondere in breit angelegten Studiengängen wie BWL frühzeitig viele praktische Erfahrungen zu sammeln.

Beizeiten die Fühler ausstrecken: Pflicht- und freiwillige Praktika erweitern den Horizont

Ihren jetzigen Forschungsbereich in der Wirtschaftsinformatik lernt Anna Wiedemann dann im Rahmen ihres Masters in „Advanced Management“ kennen, den sie an ihren Diplomabschluss anschließt: „Damals war gerade die Umstellung von Diplomstudiengängen auf das Bachelor- und Mastersystem im Gange, und ich fand es großartig, dass die HNU in dem Bereich bereits einen Masterstudiengang entwickelt hatte“. An der Wirtschaftsinformatik schätzt die Promovendin vor allem, dass sie als vergleichsweise junge Disziplin ein hohes Potential für Transformationen bietet. Ihre Masterarbeit verfasst sie 2014 dann auch zum Thema IT-Service-Bereitstellung (ITSD) – und kommt dabei nicht nur auf den Geschmack wissenschaftlichen Arbeitens, sondern auch erstmals in Kontakt mit ihrem jetzigen Arbeitgeber NTT DATA.

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Die Praxiskooperation mit dem Münchner Unternehmen ermöglicht es Anna Wiedemann zum einen, bereits intensiv empirisch und qualitativ zu forschen, zum anderen knüpft sie dort auch erste Kontakte. „Die Kooperationsmöglichkeiten sind ein Riesenvorteil von Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Sie ermöglichen eine große Bandbreite an Einblicken, ob zu anderen Hochschulen oder Universitäten oder eben in die Praxis“, sagt Wiedemann. Und: „Die Chancen sind da. Aber man muss sie natürlich nutzen und entsprechend mit offenen Augen durchs Leben gehen“.

Kooperative Abschlussarbeiten: Ein Türöffner in die Berufspraxis

Anna Wiedemann tut das: Sie steigt nach ihrem Masterabschluss direkt bei NTT DATA ein. Eineinhalb Jahre arbeitet sie in München als Technical Consultant, ist in erster Linie beratend tätig und dabei viel auf Reisen. Die Wissenschaft lässt sie aber auch während ihrer Vollzeittätigkeit nicht los, und so fasst sie die in ihrer Masterarbeit gewonnenen Forschungsergebnisse in ein Paper zusammen, das sie 2015 auf der HICSS (Hawaii International Conference on System Sciences) auf Hawaii präsentieren darf. Ein erster wichtiger Kontaktpunkt mit dem (internationalen) Wissenschaftssystem – und ein respekteinflößendes Setting noch dazu, ist die HICSS doch eine der angesehensten IT-Konferenzen der Welt. „Zu dem Zeitpunkt hätte ich wirklich noch nicht gedacht, dass ich später einmal so oft auf wissenschaftlichen Konferenzen präsentieren werde“, erinnert sich Anna Wiedemann zurück.  

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Die Initialzündung für ihre Promotion liefert schließlich das BMBF-Projekt „Effiziente Betriebs- und Steuerungsmodelle zur ganzheitlichen Optimierung des Wertbeitrags der IT-Funktion im Unternehmen (EBSGO-IT)“, das das Institut für Dienstleistungsmanagement an der HNU einwirbt. 2015 wird dort eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin frei. NTT DATA ist Drittmittelgeber des Forschungsprojekts, das Gestaltungsoptionen der internen IT-Organisation in Unternehmen auslotet, und Projektleiter Prof. Dr. Heiko Gewald, der sie bereits im Masterstudium betreut hat, empfiehlt Anna Wiedemann die Bewerbung. „So kam dann eins zum anderen“, erklärt die Promovendin, „und die Bewerbung hat geklappt – zum Glück!“. Den Kontakt zu ihrem Arbeitgeber und der freien Wirtschaft lässt sie dabei nicht abreißen: Neben ihrer 100%-Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin bleibt sie NTT DATA durch eine Nebentätigkeit erhalten.

Wirtschaft oder Wissenschaft? Keine Gegensätze, sondern ein doppelter Karriereweg

Natürlich sei der Wechsel vom klassischen Arbeitsalltag im Unternehmen zurück in die Wissenschaft erst einmal eine kleine Umstellung gewesen, erzählt Anna Wiedemann: „Die Prozesse sind eben doch ganz anders – aber ich habe mich sehr schnell darauf einstellen und dort einleben können“. Ihre Berufserfahrung hat sie dabei als sehr hilfreich erlebt. Selbstorganisation und diszipliniertes Arbeiten, ein geregelter Arbeitsablauf und strukturiertes Projektmanagement, all das war sie durch ihren Job bereits gewohnt: „Ich war sehr viel unterwegs, da braucht man ein gutes Zeitmanagement und muss sich gut organisieren können“.

DevOps

DevOps (aus: Developement and Operations) ist definiert als ein kulturelles und technologisches Konzept zur Integration der Aufgaben, Kenntnisse und Fähigkeiten, die zur Planung und Durchführung der Aktivitäten eines crossfunktionalen Teams erforderlich sind, das ein oder mehrere IT-Dienstleistungsprodukte verantwortet. 

Gartner Hype Cycle 

Der Gartner Hype Cycle ist ein Instrument, das die Entwicklung neuer Technologien nachvollzieh- und verstehbar macht. Entwickelt 1995 von Gartner-Beraterin Jackie Fenn, visualisiert der Zyklus die fünf essenziellen Phasen, die jede Technologie von den ersten Gehversuchen an („technologische Auslösung“) bis hin zur erfolgreichen Implementierung („Plateau der Produktivität“) durchläuft.

Kooperative Promotion 

Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWs) besitzen in der Regel kein eigenes Promotionsrecht, ihre MasterabsolventInnen sind aber an Universitäten promotionsberechtigt. Für solche kooperativen Promotionen werden an der HNU (öffnet neues Fenster) unterschiedliche Modelle angeboten, etwa über das BayWISS-Promotionsverbundkolleg (öffnet neues Fenster)

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Der Promotionsrahmen war durch die Struktur des BMBF-Projekts bereits abgesteckt – nun galt es, ein passendes Promotionsthema zu finden. Der entscheidende Impuls kommt dann erneut durch eine Kooperation: Das Institut für Dienstleistungsmanagement an der HNU veranstaltet zwei Mal im Jahr einen IT-Executive-Circle (ITEC), der im fachlichen Austausch wechselnde IT-relevante Fragestellungen bearbeitet. 2015 taucht in diesem Setting das Thema DevOps auf: ein neues Konzept, das sich der effizienzsteigernden Verbindung von Softwareentwicklung sowie Betriebs- und Steuerungsprozesses in der IT widmet. Anna Wiedemann liest sich in den zu diesem Zeitpunkt noch vergleichsweise unerschlossenen Bereich ein – und lernt ihn „immer mehr kennen und lieben“. Als DevOps schließlich auch als neuer IT-Megatrend im Gartner Hype Cycle genannt wird, wird Anna Wiedemann klar, dass dieses Promotionsthema einen wichtigen Nerv trifft.

DevOps – ein Forschungsschwerpunkt mit Zukunft

Mit dieser Chance geht aber natürlich auch eine große Herausforderung einher: Der Forschungsstand ist noch gering, die Datenlage dürftig. Anna Wiedemann beschäftigt sich intensiv mit relevanten Theorien, etwa zu agilen IT-Teams, und konzipiert so nach und nach einen Rahmen, in den sie ihre Forschungsfrage zielführend einhängen kann. Dabei ist die Begeisterung für ihren Forschungsbereich Anna Wiedemanns größter Antrieb. Inzwischen ist das Thema DevOps in aller Munde – dass man solche Entwicklungen direkt miterleben und -gestalten könne, sei ungemein motivierend, sagt die Promovendin.  

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In ihrer Dissertation hat sie die für DevOps-Strukturen nötigen Skills, IT-Kontrollprozesse und internes IT-Alignment genauer unter die Lupe genommen. Der Fokus liegt dabei auf etablierten, großen Unternehmen, in denen sich die Verbindung von Kontrollprozessen naturgemäß komplexer gestaltet als etwa in kleinen Start-Ups. Anna Wiedemann widmete sich vor allem den Personen, die unter dem Dach eines DevOps-Teams vereint zusammenarbeiten: Was muss jemand, der in ein solches Konzept integriert ist, denn nun eigentlich können? Während klassisches Projektmanagement auf ausdifferenzierte Abteilungen mit klaren, beschränkten Zuständigkeiten setzt, zeichnet sich das DevOps-Teammitglied durch sogenanntes „t-shaped-Wissen“ aus, vereint also sowohl Spezialwissen als auch generalisiertes Wissen in sich. Das heißt: Die jeweilige Person braucht ein gutes Verständnis für Softwareentwicklung und -betrieb; ist nicht nur verantwortlich für die Entwicklung von neuen Softwarefunktionalitäten, sondern muss entstehende Probleme nach dem Amazon-Leitgedanken „You build it, you run it“ auch eigenverantwortlich im Team lösen können. Immer mehr Unternehmen arbeiten mit agiler Softwareentwicklung. Aber: „Dort liegt der Fokus immer noch auf der Softwareentwicklung. DevOps geht nun einen Schritt weiter und integriert den Betriebspart – das „Ops“ – in diese agilen Teams“, erklärt Anna Wiedemann. „In meiner Forschung habe ich gesehen, dass sich darin eine Transformation vom klassischen, sehr zeit- und budgetgetriebenen Projektmanagement, von  Silo-Abteilungen weg und hin zu einer  Etablierung von  Produktverantwortung in cross-funktionalen Teams ergibt“. 

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Der Weg bis zur fertigen Dissertation ist für Anna Wiedemann in erster Linie von Recherchearbeit und Interviewakquise geprägt: Sie untersucht, welche Unternehmen bereits DevOps-orientiert arbeiten, identifiziert und kontaktiert über verschiedenste Netzwerke mögliche Interviewpartner. Schlussendlich hat sie 100 Interviews durchgeführt, von denen sie 80 auswerten und analysieren kann („die Grenzen waren teilweise sehr verschwimmend: Welche Firmen arbeiten wirklich mit DevOps, welche „nur“ agil?“).

Recherchieren, publizieren, lehren: Der Arbeitsalltag einer Doktorandin

Dass man in einer kumulativen Dissertation keine Monografie, sondern mehrere einzelne Paper verfasst, komme einem in Sachen Selbstorganisation dabei ein Stück weit entgegen, sagt Anna Wiedemann: Die einzelnen Arbeitspakete sind klarer definiert und die  jeweiligen Einreichungsfristen geben bereits eine relativ fixe zeitliche Struktur vor.

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Da Hochschulen für angewandte Wissenschaft kein Promotionsrecht haben, führt der Weg zum Doktortitel meist über kooperative Promotionen an Partneruniversitäten. So auch bei Anna Wiedemann: 2017 präsentiert sie auf einer Konferenz, an der auch Prof. Dr. Helmut Krcmar, Lehrstuhlinhaber der Wirtschaftsinformatik an der Technischen Universität München (TUM), teilnimmt. Anna Wiedemann stellt ihm ihr Thema vor und Helmut Krcmar wird ihr künftiger Doktorvater.

Kooperative Promotion: Doppelte Infrastruktur, doppelter Austausch

Die Vorteile des Betreuungstandems liegen für Anna Wiedemann dabei klar auf der Hand: „Durch die Einbindung an zwei Institutionen kann man nicht nur die doppelte Infrastruktur – zum Beispiel zwei Bibliotheken – nutzen, man profitiert auch von einem doppelten fachlichen Austausch“. Anna Wiedemann behält in dieser Zeit ihre Wohnung in München und wohnt wochentags bei ihrer Familie in der Region. Ist man grundsätzlich gut organisiert, so Anna Wiedemanns Einschätzung, bekommt man den Wechsel zwischen beiden Hochschulen auch unter einen Hut. Während ihr dabei an der TUM vor allem die breiten Angebote des strukturierten Rahmenprogramms zugutekamen, ist es an der HNU gerade die überschaubare Größe, die in ihren Augen einen enormen Vorteil bietet: Anna Wiedemann saß dort auch im Fakultätsrat und stand in regem Kontakt mit den HNU-ProfessorInnen. „Vor allem das enge Arbeitsverhältnis und die Möglichkeit, sich auf Augenhöhe direkt austauschen zu können, habe ich an der HNU immer sehr geschätzt“, resümiert sie.

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Inzwischen steht Anna Wiedemann kurz vor ihrer Disputation, hat das Projekt, das sie seit fünf Jahren intensiv begleitet, also vorerst abgeschlossen und ist bereits wieder in Vollzeit bei NTT DATA tätig. Der Wissenschaft und der HNU bleibt sie aber glücklicherweise weiter als Research Associate erhalten – und auch im Rahmen der Vorlesung „Grundzüge der Wirtschaftsinformatik“, die sie in Zusammenarbeit mit HNU-Professorin Claudia Kocian-Dirr hält. Mehr als genug Ideen für spannende neue Forschungsprojekte hat Anna Wiedemann ohnehin. Unabhängig davon, wie ihr Weg auch weiterhin aussehen wird, in einem Punkt ist sie sich sicher: „Mein Herz wird immer für die Wissenschaft schlagen“.