Dia­lo­ge

Gespräche mit WissenschaftlerInnen an der HNU

Quer­ge­le­sen // Wis­sen­schaft schrei­ben 

14.05.2020

Wissenschaft braucht (Ver-)Schrift(-lichung) und Lektüre – und Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, die nicht erst seit der Digitalisierung stetiger Veränderung unterworfen sind. Wir haben uns innerhalb der HNU auf eine kleine Spurensuche begeben und unsere ProfessorInnen und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen nach Schreib- und Leseritualen, ihren eigenen Publikationen und ihrer aktuellen (nicht nur fachlichen) Lektüre gefragt. Ein Blick in die privaten Bücherregale wurde uns obendrein gewährt! 

Ein Blick in das Bü­cher­re­gal von ... 

Te­re­sa Moll

Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Gesundheitsmanagement

gerade beendet: "Systemische Intervention in der Mitarbeiterführung" von Peter Steinkellner
aktuelle Lektüre: "Organisation und Management" von Dirk Baecker.
Und danach? "Organisation und System" von Dirk Baecker

Schrei­b­ri­tua­le

  • 4Te­re­sa Moll

    An meinem Schreibtisch zuhause. Hier habe ich sehr viel Ruhe und Platz sowie alle meine Bücher und Notizen schnell greifbar um mich. Über meinem Schreibtisch ist ein Dachfenster, wodurch das Licht toll hereinfällt. Am liebsten habe ich eine Tasse Kaffee neben mir stehen und oft liegt unser Hund Henry neben mir.

  • 5Prof. Dr. Phil­ipp Bru­ne 

    Bevorzugt auf Reisen im Zug oder Hotelzimmer.

  1. Prof. Dr. Jens U. Pätz­mann

    Tatsächlich schreibe ich in meinem Büro an der Hochschule. Rituale? Kaffee, schreiben, Pause, Kaffee, schreiben, Pause, Kaffee …

  2. Jens Bo­schei­nen

    Am liebsten in der Bibliothek, mit Stöpseln im Ohr und allen Ablenkungen ausgeblendet.

  3. Prof. Dr. Wal­ter Swo­bo­da 

    Am Schreibtisch, alleine und oft nachts. Manchmal auch in der Bahn. Immer mit meinem Macbook und Papyrus Autor.

Aus den ei­ge­nen Pu­bli­ka­tio­nen

Ver­net­zung als Rea­li­sie­rungs­stra­te­gie für be­trieb­li­che Ge­sund­heit in der Re­gi­on Ulm/Neu-Ulm

Teresa Moll 

"In dieser Publikation habe ich mich zum ersten Mal daran versucht, Netzwerke im Rahmen betrieblicher Gesundheit und Gesundheitsförderung aus systemtheoretischer Perspektiv zu betrachten. Dabei habe ich vor allem die (gesellschafts- und kommunikationstheoretische) Komplexität, welche sich dahinter verbirgt, ansatzweise begriffen. Und eben diese macht es für mich aber nur umso spannender und herausfordernder."

Moll, Teresa (2019): Vernetzung als Realisierungsstrategie für betriebliche Gesundheit in der Region Ulm/Neu-Ulm. In: Zeitschrift für Führung und Personalmanagement in der Gesundheitswirtschaft (öffnet neues Fenster) (ZFPG), 5 (1), 19-28. 

Cor­po­ra­te So­ci­al Re­s­pon­si­bi­li­ty in der In­no­SÜD-Re­gi­on – Ei­ne Be­stands­auf­nah­me

Jens Boscheinen 

"Im Sommer 2020 erscheint hierzu auch ein Beitrag im Springer Verlag. Die Veröffentlichungen sollen eine Brücke schlagen zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft – vertreten also die Third Mission der Hochschule Neu-Ulm."

Boscheinen, Jens; Fleissner, Thomas; Hammerschmidt, Wilke; Kimpflinger, Andrea; Kormann, Julia (2019): Corporate Social Responsibility in der InnoSüd-Region - eine Bestandsaufnahme. Working Paper, Nr. 40, Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Neu-Ulm.

Cust­o­m­er In­sights mit Ar­che­ty­pen – Durch ar­che­ty­pi­sche Me­ta­phern Ziel­grup­pen bes­ser de­fi­nie­ren und ver­ste­hen

im Erscheinen

Prof. Dr. Jens U. Pätzmann

"Erscheint demnächst bei Springer Gabler in der Essentials-Reihe. Interessant für alle, die mehr aus ihren Marktforschungsdaten machen wollen. Gute Insights sind tiefe Einsichten aus Zielgruppenperspektive und werden als das neue Konsumentengold bezeichnet."

An Open Sour­ce Ap­proach for Mo­der­ni­zing Mes­sa­ge-Pro­ces­sing and Tran­sac­tio­nal CO­BOL Ap­p­li­ca­ti­ons by In­te­gra­ti­on in Ja­va EE Ap­p­li­ca­ti­on Ser­vers 

Prof. Dr. Philipp Brune

"Ausführlichere Beschreibung meines Open-Source Frameworks QWICS zur Modernisierung von großen, transaktionalen Legacy-Unternehmensanwendungen, welche in der Programmiersprache COBOL geschrieben sind, mittels Einbindung in Java Enterprise Edition Applikationsserver. Der Artikel wendet sich an alle Forscher, Entwickler, IT-Architekten und IT-Entscheider, welche mit derartigen Fragestellungen der Modernisierung ihrer Anwendungslandschaft  konfrontiert sind. Wie man an der jüngsten medialen Diskussion über den akuten Mangel an COBOL-Entwicklern zur Sicherstellung des Betriebs der Arbeitslosenversicherung in New Jersey in der Corona-Krise sehen kann, wird dieses Thema zunehmend wichtiger."

Brune, Philipp (2019): An Open Source Approach for Modernizing Message-Processing and Transactional COBOL Applications by Integration in Java EE Application Servers (öffnet neues Fenster). In: Web Information Systems and Technologies. WEBIST 2018. Lecture Notes in Business Information Processing (LNBIP), 372 . Springer, Cham, pp. 244-261.

De­si­gning Mo­ti­on – Au­to­mo­ti­ve De­si­gners 1880-1980

Prof. Dr. Markus Caspers 

"Es geht um die Geschichte des Automotive Designs als wissenschaftlich unterbelichteten Bereich des Industrial Designs. Das Buch ist für alle, die sich für Design, für Autos und für Designgeschichte und -wissenschaft interessieren."

Caspers, Markus (2016): Designing Motion. Automotive Designers. (öffnet neues Fenster) Birkhäuser, Basel. 

In­for­ma­ti­ons­ma­nage­ment im Ge­sund­heits­we­sen 

Prof. Dr. Walter Swoboda 

" Ich habe mir besondere Mühe gegeben, dass keinerlei Vorkenntnisse nötig sind und das Buch trotzdem unterhaltsam bleibt. "

Swoboda, Walter (2017): Informationsmanagement im Gesundheitswesen. (öffnet neues Fenster) UTB Verlag, München. 

Wis­sen­schaft­li­ches Schrei­ben ist ... 

"In­tel­lek­tu­ell an­stren­gend, aber als Ziel je­der For­schungs­ar­beit auch höchst be­frie­di­gend, wenn es fer­tig ist."

Prof. Dr. Philipp Brune 

Per­sön­li­cher Ka­non 

Für Teresa Moll ist und war Niklas Luhmann prägend - insbesondere sein Werk "Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie": "Es liefert mir die Forschungsperspektive zur Bearbeitung meiner Fragestellungen und Projekte. Auch habe ich besonders hiervon gelernt, stets einen aufmerksamen Blick für das Gegenüber bzw. den zu beforschenden Gegenstand zu haben. Das bedeutet, dessen jeweiligen Kontext zu berücksichtigen, sowie zu versuchen, dessen Eigenlogik, Absichten, Handlungsanreize und Interessen zu verstehen. Wobei es nie die eine Wahrheit gibt, sondern immer nur subjektive Konstruktionen von Wirklichkeit."

Roland Barthes' "Mythen des Alltags" und die "Dialektik der Aufklärung" von Horkheimer/Adorno waren für Prof. Dr. Markus Caspers Initialzündungen für seine(n) Beruf(ung) : "Beide Bücher haben mir als jungem Menschen die Freude an und die Verunsicherung durch Theorie beigebracht. Durch diese Bücher habe ich die Kritische Theorie und den Strukturalismus entdeckt und zu schätzen gelernt".

Prof. Dr. Walter Swoboda schätzt (philosophische) Klassiker: Nachhaltig beeindruckt hat ihn in seiner Jugend Hermann Hesses "Der Steppenwolf", und mehr als einmal hat er "Gödel, Escher, Bach" von Douglas R. Hofstadter gelesen.

Albert Camus' "Der Mythos des Sisyphos" und Carl Friedrich von Weizsäckers "Die Tragweite der Wissenschaft" empfiehlt Prof. Dr. Philipp Brune - zwei für sein Weltbild prägende Werke. 

"Die Kunst des Liebens" von Erich Fromm ist für Jens Boscheinen ein persönlich wichtiges Werk: "Ich kenne kein Buch, welches auf so eindrucksvolle Art Liebe in all ihren Facetten erklärt und die Grundlage für die eigene Entwicklung und das Sein darstellt, wie dieses Buch. Ich hab es als Pflichtlektüre in der zehnten Klasse im Religionsunterricht zum ersten Mal gelesen und es war die erste aktive Beschäftigung mit der menschlichen Psychologie, welche mich damals fasziniert hat und bis heute noch immer fasziniert."

Prof. Dr. Jens U. Pätzmann nennt das Fachwerk "Konsumentenverhalten" von Werner Kroeber-Riel als für ihn persönlich wegweisend: "Der Mann hat vor 30 Jahren so viele Ideen vorweggenommen, die jetzt beispielsweise in der Verhaltensökonomie oder in den Neurowissenschaften als große Neuigkeiten gefeiert werden."

Was hilft bei Schreib­blo­cka­den?

  1. Prof. Dr. Jens U. Pätz­mann

    Nicht zuhause arbeiten, sondern möglichst am Arbeitsplatz. Freizeit und Arbeit physisch trennen. Dann vermengt sich nicht Freizeit und Arbeit im Kopf. Einen Plan zum Schreiben für jeden Tag machen. Den Plan zum Schreiben eines Buches in kleine, leicht verdauliche Häppchen unterteilen. Dann klappt es zumindest bei mir. 

  2. Te­re­sa Moll

    Sollte der Start mal schwierig sein, hilft es mir meist, meinen Ideen freien Lauf zu lassen, das heißt, ich nehme mir ein DIN A4-Blatt und schreibe (in der Tat per Hand) meine Gedanken spontan zusammen. Inzwischen nutze ich auch häufig eine Flip Chart. Ich versuche, mich dabei auf den Kern zu fokussieren: Worum soll es gehen? Was ist das Ziel und die Relevanz dahinter? Was ist das eigentliche Problem und die Fragestellung und wie könnten mögliche Lösungen aussehen? Und auch persönliche Fragen versuche ich zu beantworten: Was ist mein Anreiz dahinter? Zu welcher Erkenntnis hoffe ich zu gelangen und warum? Was mir auch oft hilft, ist eine Runde an der frischen Luft, da kommen die Ansätze oft ganz von allein. Manchmal mache ich mir auch spontane Sprachnotizen mit meinem Handy, welche mir dann beim späteren Reinhören als Anstoß dienen können.

  3. Prof. Dr. Mar­kus Cas­pers 

    Immer mehrere Projekte gleichzeitig haben, zwischendurch kreativ prokrastinieren oder spazieren. 

  4. Jens Bo­schei­nen

    Auszeiten nehmen. Schreiben muss bei mir aus einer Stimmung entstehen und darf nicht durch Zwang geschehen (wie bei der Musik). Lieber einen Abend in der Therme entspannen und am nächsten Tag frisch ans Werk, als sich zum Schreiben zu zwingen.

  5. Prof. Dr. Phil­ipp Bru­ne 

    Zeitdruck hilft, absolute Ruhe, keine Ablenkung. 

  6. Prof. Dr. Wal­ter Swo­bo­da 

    Wer vor einem leeren Blatt sitzt, hat schon etwas verkehrt gemacht. Es gilt, abzuwarten, bis die Ideen so drängen, dass das Blatt voll ist, bevor man es richtig merkt. Wenn es mal wieder länger dauert bis dahin – was soll's?

GE­SCHÄFTS­MO­DEL­LE AUF DEM PRÜF­STAND

01.05.2020

Was macht die Coronakrise mit Unternehmen, welche Auswirkungen hat COVID19 auf Geschäftsmodelle und Digitalisierungsprozesse?
Wir haben mit Professor Dr. Daniel Schallmo, Professor für Digitale Transformation und Entrepreneurship, über Perspektiven der Unternehmensdigitalisierung, agile Zusammenarbeit im Homeoffice und Führungsstrategien in der Krise gesprochen.

Die Coronakrise zeigt uns nicht zuletzt auch, wie wichtig Digitalisierung und die Nutzung digitaler Medien sind. Wie ist Ihre Einschätzung: Kann diese Krise grundsätzlich eine Art Weckruf oder Katalysator für die Digitalisierung in Deutschland sein?

Prof. Dr. Daniel Schallmo: Das ist eine interessante Frage. Grundsätzlich halte ich die Corona-Pandemie und die damit verbundene Krise für dramatisch, wenn man an die weltweiten Opferzahlen denkt. Wer allerdings das chinesische Wort für „Krise“ kennt, weiß auch, dass eine weitere Bedeutung „Chance“ ist. In jeder Krise steckt also auch eine Chance. Und das sehe ich aktuell ganz deutlich.

Die Entwicklung, die wir in den letzten Wochen im digitalen Kontext beobachten, konnten wir in den letzten Jahren kaum sehen. Für viele Menschen waren das Arbeiten von Zuhause aus und die Kommunikation über Videotelefonie eher fremd. Ferner lag auch oftmals nicht die Infrastruktur in Form von Headsets, Kameras etc. vor.

Und im Ihre Frage zu beantworten: Ein klares „Ja“ - die Coronakrise ist Weckruf und Katalysator zugleich: ein allgemeiner Weckruf, der zeigt, wie empfindlich und angreifbar wir sind; ein Weckruf im digitalen Kontext, der zeigt, dass wir z.B. bezüglich Ausstattung, Akzeptanz und Nutzung digitaler Potenziale einen Nachholbedarf haben. Ferner sehe ich die Coronakrise auch als Katalysator, da sich zumindest aktuell das Mindset verändert hat. Unternehmen und Institutionen haben sich z.B. in sehr kurzer Zeit auf die neuen Umstände eingestellt.

Im Moment lässt sich viel Aktionismus beobachten: Unternehmen werden nach dem Motto „Not macht erfinderisch“ kurzfristig kreativ, setzen auf Videokonferenzen, Online-Marketing, virtuelle Einkaufsmeilen, On-Demand-Lieferungen und vieles mehr. Haben diese Veränderungen und Innovationen nur in der Krise Bestand – oder gibt es Trends, von denen Sie eine langfristige Konsolidierung in der Post-Corona-Zeit erwarten?

Prof. Dr. Daniel Schallmo: Ich denke, dass das oben erwähnte veränderte Mindset und die höhere Akzeptanz und Nutzung digitaler Medien uns aktuell zeigen, was alles möglich ist, und auch, welche Vorteile im Rahmen der Nutzung vorliegen.

In einer Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung aus dem Jahr 2018 benötigten 26,8 % aller Erwerbstätigen (rund 11 Mio. Menschen) länger als eine halbe Stunde zur Arbeitsstelle. Denken Sie nur an die volkswirtschaftlichen und ökologischen Schäden, die daraus entstehen. Aktuell ist die Zahl der aktiven Pendler wesentlich geringer, da die Potenziale von digitalen Medien verstärkt genutzt werden (müssen). Die Frage ist allerdings, wieviel wir davon in die Zeit nach Corona übernehmen werden.

Bezogen auf Innovationen im Hinblick auf die Marketingkommunikation und den Vertrieb gibt es sicherlich einige aktuelle gute Beispiele, wie Unternehmen damit umgehen. Ob, wieviel und wie diese Innovationen in die Zeit nach Corona übertragen werden, hängt grundsätzlich von vielen Faktoren ab, die wie bei jeder Innovation auch gelten. Dazu gehört zunächst die Akzeptanz der Kunden. Sind diese bereit, „Krisen-Innovationen“ auch im Nachhinein zu nutzen, oder bevorzugen sie den „altbewährten“ Weg? Ein weiterer Faktor ist auch das Verhalten von Mitbewerbern. Bieten diese die „Krisen-Innovationen“ in einer ausgereifteren Form und günstiger an als „altbewährte“ Lösungen, so kann dies ein Grund für eine breitere Akzeptanz und somit Nutzung sein. Letztlich hängt es von dem jeweiligen Produkt und der Dienstleistung ab. Ein YouTube-Tutorial, wie man seine Haare schneidet, ersetzt keinen Friseurbesuch. Ein Verkaufsgespräch zu Sportschuhen kann allerdings sowohl persönlich als auch virtuell stattfinden.

Den oft genannten Grundsatz: „Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert werden“ möchte ich anpassen in „Alles, was in der Coronakrise digitalisiert wurde, bleibt auch digitalisiert, sofern es der Kunde fordert“.

Einigen Unternehmen scheint die krisenbedingte Umstellung auf andere Geschäftsmodelle leichter gefallen zu sein als anderen. Wie können Unternehmen vorgehen, um ihr Geschäftsmodell in der Krise anzupassen?

Prof. Dr. Daniel Schallmo: Zunächst einmal gilt es, nicht in reinen Aktionismus zu geraten, sondern einen kühlen Kopf zu bewahren. Ich empfehle daher ein klar strukturiertes Vorgehen, das aus vier Phasen mit Leitfragen besteht.

  1. Bestandsaufnahme: Wie gestaltet sich unser aktuelles Geschäftsmodell? Hierbei wird das Geschäftsmodell eines Unternehmens mit Kunden, Leistungen, der Wertschöpfung, den Partnern und den Finanzen skizziert.
  2. Gefahrenanalyse: Welche Elemente unseres Geschäftsmodells sind von der Corona-Krise bedroht? Hierbei werden konkret die Risiken für das eigene Geschäftsmodell aufgeführt und bewertet.
  3. Ideenableitung: Welche Ideen haben wir, um unser Geschäftsmodell anzupassen? Hierbei geht es um konkrete Chancen, die aktuell genutzt werden können, um den Risiken entgegenzuwirken.
  4. Umsetzung und stetige Anpassung: Welche Ideen können wir schnell umsetzen, testen und bei Bedarf anpassen? Dies ist der Umsetzungsteil, in dem es auch darum geht, Ideen und Konzepte auszuprobieren und bei Bedarf nachzujustieren.

Diese Vorgehensweise kann Unternehmen helfen, strukturiert Ideen für die Anpassung des eigenen Geschäftsmodells abzuleiten und diese umzusetzen.

Das Team-Meeting via Video, der Jour Fixe im Unternehmens-Chat: Die tägliche Arbeitswelt etlicher Mitarbeiter beschränkt sich derzeit auf die eigenen vier Wände. Was bedeutet das für die Zusammenarbeit in Unternehmen, insbesondere in denjenigen, in denen die Kooperationsstrukturen bislang vielleicht nur unzulänglich digitalisiert waren?

Prof. Dr. Daniel Schallmo: Die aktuelle Situation stellt jeden von uns vor besondere Herausforderungen; dennoch bin ich über die neu etablierten Routinen positiv überrascht. In der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen konnte man eine Art Schockstarre und Unsicherheit aufgrund der nie dagewesenen Situation beobachten. In der zweiten Woche wurden neue Formen und Medien der Zusammenarbeit eruiert und ausprobiert. Und ab der dritten Woche wurden bestehende Routinen angepasst und neue etabliert.

Mit den neuen Formen der Zusammenarbeit und mit veränderten Routinen geht auch eine hohe Unsicherheit einher. Mitarbeiter fragen sich, ob ihr Arbeitsplatz sicher ist, wie und wann es weitergeht etc. Dies erfordert von Führungskräften und ihren Mitarbeitern, ein Mindestmaß an Stabilität und Routine zu vermitteln und vor allem Nähe (wenn auch nur virtuell) zu ermöglichen. Das bedeutet, erreichbar zu sein und regelmäßig (z.B. einmal am Tag) mit dem gesamten Team bzw. mit einem Mitarbeiter zu kommunizieren. Ferner gilt es, Mitarbeitern zu vertrauen und Verantwortung abzugeben.

Seitens der Mitarbeiter ist es wichtig, die übertragene Verantwortung anzunehmen und sich selbst zu organisieren und somit ihren eigenen Weg zu definieren.  Für beide, Mitarbeiter wie Führungskräfte, gilt es, Absprachen zu treffen, gemeinsam Ziele zu definieren und verfügbar zu sein.

Die aufgeführten Punkte sind nicht neu, sondern gehören zu den Charakteristika agiler Organisationen. Zu diesen Charakteristika gehören z.B. auch in Netzwerken organisierten Teams, flache Hierarchien, schnelle Entscheidungswege und eine Leistungsorientierung. Unternehmen, die schon länger eine agile Organisation haben und eine agile Arbeitsweise praktizieren, haben also einen klaren Vorteil.

Was zeichnet eine starke Führungskraft in dieser Zeit aus?

Prof. Dr. Daniel Schallmo: Meiner Ansicht nach gibt es ein paar wichtige Punkte, die eine starke Führungskraft in der aktuellen Situation besonders charakterisieren. Zunächst einmal geht es um Kommunikationsfähigkeit, also darum, Feedback zu geben, zuzuhören, verfügbar zu sein und auf Augenhöhe zu kommunizieren. Gerade bei der Führung auf Distanz ist die Orientierung am Menschen genauso wichtig wie in einer normalen Situation. Das bedeutet, dem Mitarbeiter genau wie in normalen Situationen Wertschätzung und Respekt entgegenzubringen und eine reichhaltige Beziehung zu pflegen. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter auf vertrauensvolle Art zu führen.

Entscheidungen sollten, sofern dies möglich ist, im Team und schnell abgestimmt werden, um dadurch ein zielbewusstes Handeln zu ermöglichen. Dies setzt auch Transparenz voraus, was einen freien Zugang zu internen Informationen erfordert.

Bezogen auf die Medienkompetenz sollten Führungskräfte als Vorbilder fungieren und technische Kommunikationsmedien beherrschen bzw. offen für diese Medien sein und entsprechende Strukturen schaffen. Ein weiteres Charakteristikum ist die Priorisierung, d.h., einen klaren Fokus und Akzente setzen und die Tätigkeiten an der Notwendigkeit für das Unternehmen ausrichten. Als letztes gilt es, allen Mitarbeitern die Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns greifbar zu machen und diese zu vermitteln.

Ge­sprächs­part­ner

Prof. Dr. Daniel Schallmo ist Professor für Digitale Transformation und Entrepreneurship an der Fakultät Informationsmanagement der HNU.

Prof. Dr. Daniel Schallmo

Mit den neuen Formen der Zusammenarbeit und mit veränderten Routinen geht auch eine hohe Unsicherheit einher

Prof. Dr. Daniel Schallmo

VER­NET­ZUNG IN DER KRI­SE

30.04.2020

Welche Auswirkungen hat die Coronakrise auf das Gesundheitssystem – und umgekehrt?
Wir haben mit Prof. Dr. Walter Swoboda, Forschungsprofessor an der Fakultät Gesundheitsmanagement der HNU, über die elektronische Patientenakte, medizinische Frühwarnsysteme sowie ethische und datenschutzrechtliche Fragestellungen gesprochen. Das wichtigste Stichwort dieses Gesprächs: die interinstitutionelle Vernetzung des Gesundheitssystems.

Wer die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens und den Zusammenhang mit der derzeitigen Krise begreifen will, muss zunächst ein Stück in der Zeitgeschichte zurückgehen: 2004 tritt das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) in Kraft – Hintergrund ist der Lipobay-Skandal* drei Jahre zuvor, der die Notwendigkeit elektronischer Medikationskontrollinstanzen auf die Agenda setzt. Ein Ergebnis dieser Entwicklung, das wir alle seit 2011 kennen und in den Händen halten: Die elektronische Gesundheitskarte (eGK). Die Einführung der in diesem Gesetz vorgesehenen sogenannten Telematikinfrastruktur (TI)* zieht sich allerdings bis heute hin. Seit Januar dieses Jahres gilt das Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG)*, das eine breite Nutzung digitaler Angebote und auch die vieldiskutierte elektronische Patientenakte (ePA) ermöglichen soll. Einiges ist im Bereich Telemedizin und eHealth bereits passiert – und doch gibt es noch viel zu tun, betont Swoboda. Die elektronische Gesundheitskarte erfüllt ihren eigentlichen Zweck in dieser Form noch nicht; eine breitere Einführung von Tools wie etwa Videosprechstunden scheitert häufig an der Kostenfrage. Insbesondere die wirklich flächendeckende Vernetzung aller Gesundheitsakteure ist zwar nicht mehr reine Zukunftsmusik, aber eben doch noch nicht umgesetzt.

Dem deutschen Gesundheitssystem fehlt die flächendeckende interinstitutionelle Vernetzung

„Im Grunde krankt unser ganzes Gesundheitssystem daran, dass wir zwar mittlerweile innerhalb der einzelnen Einrichtungen selbst halbwegs valide Informationssysteme haben. Was uns ins Deutschland aber völlig fehlt, ist die interinstitutionelle Vernetzung“, konstatiert Swoboda. Das heißt: Es mangelt an einem gebündelten Zugang zu Informationen über Patientenströme, Vorerkrankungen, Genesungsverläufe – und vor am Überblick über das große Ganze: „Dadurch haben wir viele, viele Einzelfälle, aber keinen großen Fall“, beanstandet der Mediziner. Als kontraproduktiv erweisen sich zudem bürokratische und formale Hürden: Auf die digitale Patientenakte beispielsweise haben zwar Ärzt*innen, nicht aber Pfleger*innen Zugriff – ohne Pflegekammer fehlt denen der dafür nötige Heilberufeausweis. Angesichts der so wichtigen Rolle von Pflegekräften sei das ein unhaltbarer Zustand, betont Swoboda.

COVID19 hat, so die Einschätzung Swobodas, die Schieflage aufgrund der verschleppten Digitalisierungsprozesse innerhalb des deutschen Gesundheitswesens nun noch einmal deutlich verschärft. Ein in den letzten Wochen breit diskutiertes Beispiel ist die nicht eindeutig bezifferte Kapazität an Intensivbetten in Deutschland, aber auch der fehlende Gesamtüberblick darüber, wann, wo und wie welche Patient*innen genau auf das Virus getestet wurde, ist problematisch. Sind solche elementaren Zahlen nämlich unklar, ist eine valide Behandlungsplanung kaum möglich. Haben Kliniken, Krankenhäuser, Pflegeheime und Arztpraxen hingegen gemeinsam Zugriff auf eine verlässliche und vollständige übergeordnete Datenlage, lassen sich Behandlungsprozesse effizienter koordinieren. Dieser Überblick kann mitunter (lebens-)entscheidend sein.

Ein konzertierter Datenzugriff kann akut und präventiv bei Pandemien helfen

Eine solche intelligente Vernetzung zahlt sich in akuten Notlagen also aus – kann sie denn auch als eine Art Frühwarnsystem dienen? Epi- und Pandemien, wie wir sie im Moment erleben, lassen sich kaum vorhersehen, stellt Swoboda klar. Doch es gibt Indikatoren, die, werden sie rechtzeitig erfasst, bestimmte Entwicklungen andeuten können. Bei der COVID19 spielt etwa der Indikator der erhöhten Temperatur eine wesentliche Rolle, einzelne Warnsysteme hatten diesen Faktor auch als Alarmsignal eingestuft. Werden solche Daten nun systematischer in allgemeinen Screenings erfasst, können sie gegebenenfalls frühzeitigeren Aufschluss über sich anbahnende Infektionswellen geben.

„Es gab immer große Epidemien, die die Menschheit teils auch erheblich dezimiert haben. Das sind normale Risiken, die der Mensch hat – aber das heißt nicht, dass man nicht mit modernen Methoden etwas dagegen tun kann und muss“, so Swoboda.

Warum brauchen auch diese modernen Methoden ihre Zeit und weshalb muss man mit einer längeren Zeitspanne rechnen, um COVID19 unter Kontrolle zu bringen? Ein Grund liegt im Prozess der Impfstoffentwicklung: Viren zirkulieren sowohl in ihrer natürlichen Form, dem sogenannten Wildtyp, als auch in mutierten Formen. Im Labor muss nun zwischen solchen Wildtypenstämmen und mutierten COVID19-Stämmen unterschieden werden. Diese Trennung sei extrem zeitaufwändig, erläutert Swoboda: „Ich kann mir unter diesen Umständen nicht vorstellen, dass der Impfstoff noch in diesem Jahr kommt“. Dabei sind ansteckende Viren oder Bakterien sind meist nicht besonders tödlich – sie müssen sich ihre Übertragungswege erhalten. Mit zunehmender Bevölkerungsdichte allerdings verschiebt sich das Verhältnis zwischen Infektiosität und Letalität stärker in Richtung Letalität, erklärt Swoboda. Hier müsse es letztlich bessere Frühwarnsysteme geben.

Von einer interinstitutionellen Datenvernetzung profitiert das Gesundheitssystem also nicht nur in der ad-hoc-Behandlung, sondern auch in der Prävention. „Das sind natürlich Unmengen an Daten, die regelmäßig gescannt werden müssen – hier ist KI gefragt“, ergänzt der Forschungsprofessor, der selbst nicht nur approbierter Arzt, sondern auch Informatiker ist.

Die verzögerte Einführung liege dabei weniger an konkreten Akteuren wie beispielsweise der gematik GmbH* – es seien vor allem grundsätzliche Bedenken, die eine konzertierte Umsetzung erschwerten. Kann die Coronakrise nun möglicherweise den nötigen Impuls liefern, die Digitalisierung des Gesundheitswesens konstruktiver voranzubringen? Muss sie sogar, meint Swoboda: „Das sind strukturelle Innovationen, die längst überfällig sind. Es wird Zeit, dass angesichts der aktuellen Krise Nägel mit Köpfen gemacht werden“. Er ist zuversichtlich, dass auch seit langem diskutierte ethische Fragestellungen nun wieder mehr in den Vordergrund treten.  

Bei datenschutzrechtlichen und ethischen Grundfragen gilt die Maxime: Das letzte Wort haben die Patient*innen

Als Dreh- und Angelpunkt der Debatten erweist sich dabei immer wieder der Datenschutz, etwa bei der digitalen Patientenakte. Kritisch sei etwa, dass Patient*innen gegenwärtig nicht selbst entscheiden könne, welche Daten aus der eigenen Akte gelöscht werde. „Letztlich überwiegen allerdings die Vorteile die Nachteile“, meint Swoboda, der sich seit Jahren mit medizinischen IT-Systemen auseinandersetzt. Was in diesem Zusammenhang nämlich oft übersehen werde: Ist der Zugriff auf Patientendaten nicht interinstitutionell und gesetzlich organisiert, springt die Industrie ein. Die Blutdruckwerte von Diabetiker*innen beispielsweise, die via Smartphone-App dokumentiert werde, liegen letztlich beim Hersteller – Hausärzt*innen haben darauf nur den indirekten Zugriff durch ihre Patient*innen und müssen ihre Behandlung auf Basis nicht selbst erhobener Messdaten ausrichten. Swoboda sieht in der Privatisierung von Daten, deren Verwendung seitens der Industrie zudem nicht immer klar kommuniziert werden („Wie weit geht das? Lernt die Insulinpumpe irgendwann, Glückshormone auszustoßen?“), eine Entwicklung, der man sich bewusst sein und die man verhindern müsse – und das gehe, so Swoboda, eben nur über die Einführung der elektronischen Patientenakte.
Auch die Frage nach dem letzten Willen und Selbstbestimmung erhält aktuell neues Gewicht. Was geschieht etwa, wenn eine an COVID19 erkrankte Person die lebensnotwendige Beatmung ablehnt? Im Moment fehlen hier entsprechende Instrumente, den eigenen Willen im akuten Fall kurzfristig sicherzustellen.

All diese ethischen Dilemmata lassen sich letztlich auf eine Maxime abstellen, so Swoboda: „Es ist schwierig – und im Grunde doch ganz einfach: Das letzte Wort muss immer der Patient oder die Patientin haben“.

Ge­sprächs­part­ner

Prof. Dr. Walter Swoboda ist Arzt und Diplom-Informatiker. Vor seiner Forschungsprofessur an der Fakultät Gesundheitsmanagement war er Leiter der Medizintechnik und IT am Universitätsklinikum München und IT-Leiter der Städtischen Klinikum München GmbH. 

Prof. Dr. Walter Swoboda

Li­po­bay-Skan­dal

2001 versterben weltweit 50 Menschen an Wechselwirkungen des cholesterinsenkenden Medikaments Lipobay mit anderen Präparaten. Der Pharmakonzern Bayer nimmt das Medikament vom Markt und wird mit Schadenersatzklagen in Millionenhöhe konfrontiert.

 

Te­le­ma­tik

Telematik („Telekommunikation“ + „Informatik“) bezeichnet die Vernetzung unterschiedlicher IT-Systeme und deren Datenaustausch.

Te­le­ma­tik­in­fra­struk­tur (TI)

Die 2004 gesetzlich beschlossene Telematikinfrastruktur soll Akteure des Gesundheitssystems miteinander vernetzen und einen übergreifenden, verschlüsselten Informationsaustausch ermöglichen.

ge­ma­tik GmbH

Die gematik GmbH ist mit der Einführung und (Weiter-)Entwicklung der gesetzlich beschlossenen Digitalisierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen betraut.

Die Krise macht auch demütig: Wir sind im Grunde alle nur Gast.

Prof. Dr. Walter Swoboda

Wei­ter­füh­ren­de Li­te­ra­tur

Swoboda, Walter (2017): Informationsmanagement im Gesundheitswesen, UTB Verlag München.
Swoboda, Walter; Würfel, Alexander (2016): Prozessmanagement im Krankenhaus. In: Herausforderung Krankenhausmanagement (ed. Hellmann, Wolfgang). Hogrefe, Bern, S. 155-162.