Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Uta M. Feser studierte Wirtschafts- und Sozialpädagogik und promovierte am Lehrstuhl für Allgemeine Bank-, Versicherungs- und Bankbetriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. In ihrer beruflichen Laufbahn bekleidete sie verschiedene Leitungsfunktionen in Unternehmen im Bereich Krankenhausmanagement und Beratung. 2000 begann Fesers HNU-Kapitel: zunächst als Professorin für Gesundheitsmanagement, ab 2006 als Präsidentin der Hochschule. Von 2012 bis 2020 war Feser Teil des Vorstands von Hochschule Bayern e.V.; davon vier Jahre als Vorsitzende. 2006 bis 2017 war sie Vorsitzende / stv. Vorsitzende des Schlichtungsausschusses nach §17c KHG in Baden-Württemberg, 2024 Vorsitzende des BayWISS-Lenkungsrats und von 2024 bis Anfang 2026 Sprecherin der HRK-AG Gesundheitswissenschaften. Seit Mai 2022 ist sie Vertreterin der Hochschulen im bayerischen Medienrat. Nach vier Amtszeiten als HNU-Präsidentin tritt Prof. Dr. Uta M. Feser 2026 in den Ruhestand.

Vor welchen größten Herausforderungen steht das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren aus Ihrer Sicht?
Prof. Dr. Uta M. Feser: Das Gesundheitswesen befindet sich in einer massiven Transformationsphase. Medizinischer und technologischer Fortschritt treffen auf erhebliche politische, soziale und demografische Veränderungen. Mittlerweile hat sich der Handlungsdruck so stark erhöht, dass Dinge, die bislang als sakrosankt galten, diskutiert werden. Es kommen Technologien wie künstliche Intelligenz und die digitale Vernetzung flächendeckend endlich auch im Versorgungsalltag an.
Die großen Herausforderungen und damit verbunden großen Chancen werden sein:
Die Bürokratie: Die digitale Dokumentation soll zwar entlasten, ist aber oft noch wenig nutzerfreundlich und zeitaufwändig, gerade wenn sie zwischen analog und digital wechselt.
Der Datenschutz: Der Spagat zwischen Datennutzung für die Forschung und der Privatsphäre bleibt ein zentrales Thema.
Der Fachkräftemangel: Dies ist momentan der Flaschenhals in der Versorgung. Es fehlen nicht nur Ärzte/-innen, sondern vor allem auch Pflegekräfte, Therapeuten und IT-Fachkräfte.
Hinzu kommen der Generationenwechsel, medizinischer Fortschritt und die Finanzierung des Gesundheitswesens. Das System muss den Spagat zwischen Einnahmen und Ausgaben bewältigen, um bezahlbar zu bleiben. Ein Weg ist der Wechsel von reaktiver Reparaturmedizin hin zu einer produktiven, präventiven und digital gestützten Versorgung, die den Bürgerinnen und Bürgern mehr Eigenverantwortung überträgt.
Welche Future Skills werden deiner Meinung nach für Führungskräfte im Gesundheitswesen in den nächsten fünf Jahren erfolgsentscheidend?
Prof. Dr. Uta M. Feser: Der Gesundheitssektor steht vor einem gewaltigen Umbruch. Das klassische Managementinstrumentarium reicht heute nicht mehr aus, um die anstehenden Transformationsaufgaben von Fachkräftemangel über Digitalisierung und dem Wandel hin zu einer patientenzentrierten Versorgung gut zu bewältigen. Hier braucht es vielmehr Future Skills, die Führungskräfte im Gesundheitswesen für die zukünftigen Herausforderungen fit machen.
Digital Skills: Führungskräfte müssen keine Programmierer sein, aber sie müssen verstehen, wie KI zum Beispiel Dienstplanung oder Diagnose unterstützen kann. Sie müssen kritisch Algorithmen hinterfragen und diese auch auf so genannte Bias (Voreingenommenheit) prüfen können. Sie müssen argumentieren statt ersetzen. Sie müssen die Fähigkeit haben, Workflows so zu gestalten, dass KI den Menschen entlastet, statt ihn zu verunsichern.
Führungskräfte – gerade im Gesundheitswesen – brauchen eine hohe mentale Resilienz: Gerade in Zeiten von chronischen Fachkräftemangel und hoher Arbeitsbelastung ist die psychische Gesundheit des Teams ein strategische Erfolgsfaktor. Hierzu bedarf es eines entsprechenden Führungsstils, der Stressoren aktiv erkennt und eine Fehlerkultur schafft, die Wege von der Suche nach Schuldigen hin zum kontinuierlichen Verbesserungsprozess (Qualitätsmanagement) geht.
Vernetztes sektorenübergreifendes Denken wird zum entscheidenden Erfolgsfaktor, um den Patienten ganzheitlich zu behandeln. Hierzu bedarf es gelernter, geübter und gelebter Interdisziplinarität und Interprofessionalität: Zusammenarbeit mit Pflegekräften, Kostenträgern und IT-Experten auf Augenhöhe sowie ganz entscheidend ein Patienten-Empowerment. Den Patienten als aktiven Partner im Heilungsprozess verstehen und Prozesse darauf ausrichten lernen, wird für den medizinischen und wirtschaftlichen Erfolg entscheidend sein.
Was können Hochschulen für den Transferprozess im Gesundheitswesen leisten?
Prof. Dr. Uta M. Feser: Hochschulen sind im Jahr 2026 nicht mehr reine Wissensvermittlungseinrichtungen, sondern verbinden Lehre mit Forschung und Transfer, um lösungsorientiert denkende, verantwortungsvoll handelnde Zukunftsgestalterinnen und Zukunftsgestalter auszubilden.
Die klassische Trennung der Disziplinen sollte weitgehend zu Gunsten der interprofessionellen Lehre aufgegeben werden: Medizinisches, pflegendes und therapeutisches Personal erarbeiten gemeinsam Therapiepfade und trainieren dabei reale Teamarbeit.
Die klassische Trennung der Disziplinen sollte dabei aufbrechen. Hochschulen integrieren neue Kernkompetenzen direkt in die Studienfächer, zum Beispiel Digital Health als Pflichtfach, um den Umgang mit KI-gestützten Diagnosetools oder der elektronischen Patientenakte bereits vom ersten Semester an zu erlernen.
Hochschulen müssen zu Transferzentren (Living Labs) werden, um Testumgebungen für neue Versorgungsformen zu gestalten, z. B. Reallabore für Pflegeassistenz; Start-up-Inkubatoren für innovative digitale Therapien.
Hochschulen müssen sich in der Weiterbildung zu lebensbegleitenden Partnern weiterentwickeln und berufsbegleitende Formate und modulare Zertifikate, sogenannte Micro-Credentials, wie zum Beispiel Ethik der KI oder KI-Einsatz in der sektorenübergreifenden Patientenverwaltung anbieten.
Weiterhin braucht es mehr berufsbegleitende Formate – hybride Lernmodelle –, die es dem medizinischen, technischen und betriebswirtschaftlichen Personal ermöglichen, sich neben der Berufstätigkeit auf hohem Niveau weiterzubilden.
Und zuletzt: Hochschulen verfügen über hervorragende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in Studien-, Forschungs- und Transferprojekten die Herausforderungen dieses Wandels erforschen und Lösungsansätze entwickeln können. Insbesondere für Akteure aus der Region sind sie wertvolle Ansprechpartner.
Was macht die HNU konkret?
Prof. Dr. Uta M. Feser: Die HNU, insbesondere die Fakultät Gesundheitsmanagement, gestaltet die Gesundheitsversorgung von morgen aktiv mit. Durch den interdisziplinären Ansatz verknüpfen wir Wissen aus Wirtschaft, Technologie und Medizin, um die Zukunft der Gesundheitsbranche zu prägen. Dabei setzen wir auf innovative Ideen und patientenorientierte Lösungen und leisten einen wichtigen Beitrag zu einer dynamischen und wachsenden Branche. Im Studium bietet sie sowohl Managementstudiengänge, z.B. Betriebswirtschaft im Gesundheitswesen, als auch versorgungsnahe Studiengänge wie z.B. Physician Assistant und für Technologiebegeisterte den Bachelor Digital Health sowie den Master Digital Healthcare Management an. In allen Programmen sind die Themen Entrepreneurship, KI und Future Skills als Querschnittsbereiche Bestandteil des Studiums. Um bestmöglich auf die Tätigkeiten nach dem Studium vorzubereiten, sind u.a. Projektseminare, Planspiele und Exkursionen Kernstücke des Studiums. Viele Angebote der akademischen Weiterbildung richten sich an Zielgruppen aus dem Gesundheitswesen. Im Bachelor sind das vor allem Management für Gesundheits- und Pflegeberufe sowie Evidence-based Nursing, im Master der MBA Führung und Management im Gesundheitswesen. Darüber hinaus forschen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler u.a. zu Versorgung, Digitalisierung im Gesundheitswesen, Transformation und zu ethischen Fragen und bringen internationale Perspektiven in den Diskurs ein.
Ein weiterer Aspekt der ganzheitlichen und konkreten Beschäftigung mit dem Thema Gesundheit ist das studentische Gesundheitsmanagement an der HNU, für das die HNU auch ausgezeichnet wurde. Physische und mentale Gesundheit stehen dabei im Mittelpunkt, genauso wie die Beteiligung der Studierenden in Planung und Umsetzung.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





