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HNU Healthcare Management Insights #57

08.07.2026, Dialoge:

Seit mittlerweile drei Jahren befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz in seiner Interviewserie „Healthcare Management Insights“ wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich – diesmal im Doppelpack: Mit Prof. Dr. Uta M. Feser und Prof. Roger Jaeckel stellt er die neue Gesundheitsreform auf den Prüfstand. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Prof. Dr. Uta M. Feser studierte Wirtschafts- und Sozialpädagogik und promovierte am Lehrstuhl für Allgemeine Bank-, Versicherungs- und Bankbetriebswirtschaftslehre an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. In ihrer beruflichen Laufbahn bekleidete sie verschiedene Leitungsfunktionen in Unternehmen im Bereich Krankenhausmanagement und Beratung. 2000 begann Fesers HNU-Kapitel – zunächst als Professorin für Gesundheitsmanagement, ab 2006 als Präsidentin der Hochschule. Von 2012 bis 2020  war Feser Teil des Vorstands von Hochschule Bayern e.V.; davon vier Jahre als Vorsitzende.  2006 bis 2017 war sie Vorsitzende / stv. Vorsitzende des Schlichtungsausschusses nach §17c KHG in Baden-Württemberg, 2024 Vorsitzende des BayWISS-Lenkungsrats und von 2024 bis Anfang 2026 Sprecherin der HRK-AG Gesundheitswissenschaften. Seit Mai 2022 ist sie Vertreterin der Hochschulen im bayerischen Medienrat. Nach vier Amtszeiten als HNU-Präsidentin trat Prof. Dr. Uta M. Feser 2026  in den Ruhestand. 

Prof. Dr. Uta M. Feser

Roger Jaeckel ist Honorarprofessor an der Fakultät Gesundheitsmanagement und seit 2004 in leitender Funktion in der Gesundheitsindustrie mit Schwerpunkt Gesundheitspolitik, Market und Patient Access tätig. Darüber hinaus ist er Beiratsvorsitzender der HNU in der MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und Publikationen die Themen Gesundheitspolitik und -versorgung betreffend, u.a. Mitherausgeber von zwei Fachbüchern „Market Access im Gesundheitswesen“. Seit 2023 ist Roger Jaeckel als Senior Berater bei dem in Ulm ansässigen Beratungsunternehmen bcmed tätig. Seit 2024 Head of Governmental Affairs und Health Care Management bei der Paul Hartmann AG, Deutschland in Heidenheim.

Roger Jaeckel

Mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz nimmt die Gesundheitspolitik einen neuen Anlauf, stabile Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen zu organisieren. Für wie erfolgversprechend halten Sie diesen Reformansatz?

Prof. Roger Jaeckel: Die Reformvorschläge entstammen der Feder der Finanzkommission Gesundheit, die bereits Bestandteil des aktuellen Koalitionsvertrags waren. Laut Kommissions-Gutachten führte dies im Ergebnis zu 66 Einzelvorschlägen, welche die gesundheitspolitisch Verantwortlichen im aktuellen Gesetzentwurf auf 50 Maßnahmen beschränkten, die positiven Einfluss auf die künftige Ausgaben- und Einnahmenentwicklung nehmen sollen.  
Prof. Dr. Uta M. Feser: Das GKV-Beitragsstabilisierungsgesetz und die daraus folgenden Versuche zur Beitragsstabilität sind im Kern ein riesiger Balanceakt. Man versucht, ein System zu flicken, das strukturell unter Druck steht. 

Was ist dabei besonders auffällig?

Prof. Roger Jaeckel: Der Fokus liegt dabei eindeutig auf der Ausgabenseite durch Begrenzungsmaßnahmen bei Leistungserbringern und höheren Zuzahlungsregelungen für gesetzlich Krankenversicherte. Der in der GKV schon seit Jahrzehnten geltende Haushaltsgrundsatz der „einnahmenorientierten Ausgabenpolitik“, der zwischenzeitlich verschüttgegangen schien, wurde wieder aus der Mottenkiste geholt. Ursache dafür ist vor allem die Verweigerung des Staates, seinen vielfältigen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Die finanzielle Schieflage der GKV ist folglich auch das Ergebnis von Staatsversagen, die von den anderen Beteiligten getragen werden müssen. 

Prof. Uta Feser: Der Demographie-Check ist hierbei der Elefant im Raum: Die Zahl der Beitragszahler sinkt, während die Zahl der Leistungsempfänger (Babyboomer gehen in Rente) steigt. Ein reines Stabilisierungsgesetz kann das mathematische Problem nicht lösen, höchstens für ein bis zwei Jahre ein politisches Trostpflaster darauf kleben.

Was vermissen Sie bei der kommenden Reform im Besonderen?

Prof. Dr. Uta M. Feser: Eine nachhaltige Strukturreform zur Sicherung der Generationengerechtigkeit. Wenn wir akzeptieren, dass Gesundheit ein Generationenvertrag ist, darf die Steuerung nicht im 4-Jahres-Wahlzyklus der Politik gefangen bleiben. Eine Generation sind 30 Jahre, da gibt es unter Umständen 7,5 verschiedene Gesundheitsminister mit entsprechender Koalitions- bzw. Parteipolitik.

Prof. Roger Jaeckel: Aspekte des demographischen Wandels spielen in jedem Gesundheitssystem eine zentrale Rolle. Dies hat Auswirkungen auf den künftigen Versorgungsbedarf, der in der gegenwärtigen Reformdiskussion offensichtlich keine Rolle spielt. Wenn der demographische Wandel in Zukunft unberücksichtigt bleibt, droht dem Gesundheitswesen eine Rationierung ungeahnten Ausmaßes. Es ist deshalb gerade Aufgabe des Staates, ein solidarisches Gesundheitssystem zukunftsfest zu machen. Diese Finanzreform verkürzt die angedachten Maßnahmen auf eine sehr kurzfristige Perspektive ohne echte Langzeitwirkung. Anderslautende politische Äußerungen sind reine Rhetorik, zumal die Qualität der medizinischen und pflegerischen Versorgung keine nennenswerte Bedeutung erfahren hat.

Welche Reformideen hätten Sie an die Adresse der Gesundheitspolitik zu richten?

Prof. Roger Jaeckel: Es zeigt sich, dass regulatorische Interventionen zur Weiterentwicklung eines Gesundheitssystems an ihre Grenzen stoßen. Dafür sind die Anforderungen an die Politik zu komplex geworden. Das Beispiel Krankenhausreform verdeutlicht, dass groß angelegte Reformmaßnahmen weder zeitlich noch inhaltlich vernünftig zu realisieren sind. Das Ergebnis sind seitenlange Gesetzestexte, die zu einer Überbürokratie führen und im Ergebnis eine Abkehr von versorgungsrelevanten Prinzipien bedeuten, weil das Gesundheitssystem nicht mehr erklärbar ist. Die Patientenorientierung ist schon längst nicht mehr Maßstab des politischen Handelns. Der Versuch, Gesundheitsversorgung in Paragraphen zu organisieren, hat einen kritischen Grenzpunkt erreicht, den man kritisch hinterfragen muss.

Prof. Dr. Uta M. Feser: Hier möchte ich direkt an meinen Kollegen Roger Jaeckel anknüpfen: Wir müssen im Gesundheitswesen zu einer neuen Governance kommen, die Gesundheits-Generationen-Gerechtigkeit unabhängig von der Politik vertritt. Es würde den Fokus vom „Stimmenfang“ auf Versorgungsqualität verschieben. 

Wie könnte das aussehen? Ein Gremium von Experten legt Beitragssätze und den Leistungskatalog fest, ohne dass der / die Gesundheitsminister/-in ein direktes Vetorecht hat. Ähnlich wie die Bundesbank die Inflation bekämpft, würde diese Institution über die Beiträge wachen. Sie könnte Rücklagen bilden (Generationenfonds), die nicht vom Finanzminister vereinnahmt werden dürfen. Das würde die Beiträge über Jahrzehnte glätten. Weniger Entscheidungen aufgrund von Lobbyarbeit. Leistungen werden nur dann in den Katalog aufgenommen, wenn die Wirksamkeit belegt ist.

Der geringere Zick-Zack-Kurs der Politik würde auch zu mehr Planungssicherheit für die Beteiligten im Gesundheitswesen und für die Beitragszahler führen.

Welche Empfehlungen und Hinweise hätten Sie für kommende Reformmaßnahmen im Gesundheitswesen?

Prof. Roger Jaeckel: Gesundheitsversorgung lässt sich nicht durch politische Deals bewerkstelligen. Hierzu bedarf es politisch neutraler Gremien, die sich vor allem durch Sachverstand und Kontinuität auszeichnen und nicht durch Koalitionsverträge sich immer wieder neu erfinden. Der demographische Wandel erfordert langfristige Maßnahmen, die sich nicht mehr durch vierjährige politische Wahlperioden beherrschen lassen. 

Prof. Dr. Uta M. Feser: Gründung einer unabhängigen Instanz: Etablierung eines Gremiums für Gesundheits-Generationen-Gerechtigkeit. Diese sollte mit einer Autonomie ausgestattet sein, die über vier Jahres Wahlzyklen hinausgeht, zum Beispiel durch 12-jährige Amtszeiten der Mitglieder.

Finanzielle Brandmauer: Rechtliche Sicherung der GKV-Beiträge als zweckgebundenes Sondervermögen. Der Staat darf keine versicherungsfremden Leistungen mehr aus Beiträgen finanzieren, ohne einen automatischen Steuerzuschuss auszulösen.

Investitionsverpflichtung: Verbindliche Zusagen für Klinik-Modernisierungen über 20 Jahre hinweg, um Planungssicherheit für die Transformation der Krankenhauslandschaft zu schaffen. Hinzu kommen strukturelle und operative Maßnahmen.

Wie geht es aus mit dem GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz?

Prof. Roger Jaeckel: Ohne erkennbare Änderungen der bisher verwendeten politischen Reaktionsmuster werden wir es mit einem reinen Kostendämpfungsgesetz zu tun haben, ohne jegliche innovative Steuerungsansätze. Getoppt wird diese Feststellung noch durch den Sachverhalt, dass der Bundeshaushalt auf Kosten der GKV und gesetzlich Krankenversicherten mit konsolidiert werden soll. Das hat eine neue Qualität in der deutschen Gesundheitspolitik, was zu einer breiten Unzufriedenheit in der Bevölkerung führen wird, denn staatlich finanzierte Zuschüsse werden von allen Personengruppen, ob privat oder gesetzlich krankenversichert, mitgetragen. Dieses Denkmuster scheint nicht mehr politisch präsent zu sein.

Prof. Dr. Uta M. Feser: Das Beitragsstabilisierungsgesetz wird kurzfristig zu einer Schadensbegrenzung im Gesundheitswesen führen, das aber vermutlich alle Beteiligten unzufrieden zurücklässt.  Das Gesetz wird kurzfristig die gröbsten Defizite deckeln, aber langfristig wie alle Vorgängergesetze an seine Grenzen stoßen.  Es dämpft die Beitragssprünge für ein bzw. zwei Jahre, aber nicht die Ursachen. Da es keine Rücklagen für die Zukunft bildet, sondern nur das Defizit des laufenden Jahres verwaltet, bewirkt es das Gegenteil von Nachhaltigkeit, weil es die Beitragssätze stabilisiert auf Kosten derer, die in 10 bis 20 Jahren höhere Beiträge zahlen müssen. Das Gesetz wird „gut ausgehen“ für die Politiker der aktuellen Legislaturperiode, weil es einen Kollaps verhindert. Es wird jedoch schlecht ausgehen für die Generationengerechtigkeit, weil es die echten Probleme nur weiter in die Zukunft verschiebt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.