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Gesundheit von morgen: Diskussionsabend an der HNU

02.02.2026, Transfer & Gründung:

Rund 35 Teilnehmende diskutierten am 20. Januar 2026 an der Hochschule Neu-Ulm (HNU) über zentrale Fragen der Gesundheitsversorgung der Zukunft. Eingeladen hatten die Fakultät Gesundheitsmanagement und der Lions-Club Ulm/Neu-Ulm – Alb-Donau. Drei Impulse aus Wissenschaft und Praxis bildeten den Auftakt zu einer lebhaften Debatte.

In ihrer Begrüßung skizzierte Dekanin Prof. Dr. Sylvia Schafmeister die paradoxe Lage des deutschen Gesundheitswesens: hohe Ausgaben und gute Ausstattung auf der einen Seite, Versorgungslücken, Personalmangel und demografischer Druck auf der anderen. Die Leitfrage des Abends: Wie können Management, digitale Innovation und neue Berufsbilder die Versorgung langfristig sichern?

Gesundheit als Wertschöpfungsfaktor 

Das Gesundheitswesen nicht nur als Kostenfaktor zu sehen, sondern volkswirtschaftlich nutzbringend und als Ziel lohnender Investitionen, regte Prof. Dr. Alexander Würfel in seinem Vortrag an. Es gelte, Patientinnen und Patienten als Kunden aktiv in ihren Gesundheitsprozess zu integrieren, ähnlich wie es in Finnland längst Usus sei. Gamification-Ansätze könnten zur Motivation beitragen. Zudem brauche es eine komplette digitale Transformation der Prozesse.

Digitalisierung zwischen Potenzial und Praxisproblemen

Die Digitalisierungspraxis kämpfe mit fehlenden Standards, mangelnder Infrastruktur und nicht kompatiblen Systemen, ergänzte Prof. Dr. Johannes Schobel. Auch KI sei – bei allen Vorzügen – kein Allheilmittel, blindes Vertrauen in die Ergebnisse nachweislich falsch. Auch Daten freigiebig zu verteilen, sei nicht ratsam. Als Beispiel aus der HNU-Forschung stellte er intelligente Steckdosen vor, die über Stromverbrauchsmuster Rückschlüsse auf die Alltagsfähigkeit älterer Menschen zulassen.

Neue Berufsbilder: Physician Assistants entlasten das System 

Mit dem „Physician Assistant“ (PA) präsentierte Prof. Dr. Judith Mantz ein Berufsbild, das ärztliche Teams entlastet und Kontinuität auf Stationen schafft. Die Nachfrage ist hoch, die Übernahmequote der Absolventinnen und Absolventen liegt bei 100 Prozent.

Kontroverse Diskussion zu MVZs, Arbeitsmodelle und Vergütung 

In der darauffolgenden Diskussion mit den HNU-Expertinnen und -Experten sowie Dr. Christian Buck, Dr. Dorothee Hock und Dr. Birgit Schleß vom Lions-Club Ulm/Neu-Ulm – Alb-Donau und dem Publikum ging es unter anderem Medizinische Versorgungszentren (MVZs). Die Vorteile flexibler Arbeitsmodelle in ärztegeführten Großpraxen stehen hier auf der Positivseite, ihnen gegenüber investorengeführten Zentren, deren Profitstreben zu Monopolen führe. Hier sei die Politik gefordert. In Zusammenhang damit ging es um die Frage, warum der ärztliche Nachwuchs sich zunehmend für eine Anstellung statt für selbstständig geführte Praxen entscheidet. 

Eine Ärztin betonte die Vorteile der eigenen Praxis: Flexibilität, Reiz und Vielfalt. Work-Life-Balance, gesellschaftliche Unsicherheit und hohe finanzielle Hürden bildeten die Gegenseite ab. Ein zentraler Kritikpunkt war die mangelhafte Vergütung für das ärztliche Gespräch: „Zeit ist etwas, was in unserem System in keiner Weise vergütet wird”, so die Ärztin. Plädiert wurde auch für Prävention, etwa für ein Schulfach “Gesundheitserziehung”, um Gesundheit im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern. Im Themenbereich praktische digitale Medizin ging es u. a. um Probleme mit der oft unvollständig befüllten, durch Datenschutz begrenzten elektronische Patientenakte (ePA), das E-Rezept dagegen gilt als Erfolg. 

Fazit: Große Chancen, hoher Reformbedarf 

Der Abend machte deutlich: Digitalisierung, neue Berufsbilder und innovative Versorgungskonzepte bieten großes Potenzial, doch es braucht strukturelle Reformen, einen reflektierten Umgang mit ökonomischen Rahmenbedingungen und Offenheit für technologische Veränderungen. Die Diskussion zeigte zudem, wie groß der Bedarf an Austausch und gemeinsamer Weiterentwicklung im Gesundheitswesen ist.

Ansprechpartnerin

Prof. Dr. Sylvia Schafmeister

 (öffnet Vergrößerung des Bildes)
V. l.: Dr. Dorothee Hock, Dr. Birgit Schleß, Annette Schlecker (Präsidentin Lions Club), Prof. Dr. Judith Mantz, Prof. Dr. Johannes Schobel, Prof. Dr. Alexander Würfel, Prof. Dr. Sylvia Schafmeister, Dr. Christian Buck