HNU Healthcare Management Insights #38

01.08.2025, Dialogues:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal spricht er mit Dr. Johanna Ludwig über die Karrierewege von Ärztinnen und Ärzten. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Dr. Johanna Ludwig ist Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie mit einem Master of Science (Oxford). Ihre Arbeit verbindet klinische Erfahrung, systemisches Denken und unternehmerischen Gestaltungswillen. Ihre Schwerpunkte Weiterbildung und Digitalisierung begreift sie Schlüssel für eine Medizin, die menschlich, wirksam und zukunftsfähig ist. Als Autorin setzte sie zentrale Impulse; unter anderem mit dem Fachbuch „Kompetenzbasierte Weiterbildung“ (Elsevier, 2025) und dem Karriereratgeber „Wege aus der Klinik: Der Ratgeber für Karrieren abseits des Krankenbetts.“ Mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Startup Asystole bringt sie Gamification in die medizinische Weiterbildung. Beruflich blickte sie schon während ihrer klinischen Tätigkeit über den Tellerrand und leitet nun die Stabstelle Versorgung der gematik, um sich mit der Versorgungsperspektive für eine effiziente Digitalisierung einzubringen.  

Dr. Johanna Ludwig

Welche Anforderungen werden an Chefärztinnen und Chefärzte im Jahr 2030 gestellt werden?

Dr. Johanna Ludwig: Wir sind mittendrin in einem Paradigmenwechsel. Die Anforderungen an Chefärztinnen und Chefärzte werden sich bis 2030 grundlegend wandeln – nicht nur fachlich, sondern vor allem kulturell. 
Heute konkurriert die Klinik mit Arbeitswelten, die Flexibilität, Remote Work und Selbstwirksamkeit bieten. Die starre Taktung des Klinikalltags wirkt da schnell wie aus der Zeit gefallen. Wer morgen führen will, muss Antworten auf diese neue Erwartungshaltung geben. Neben medizinischer Exzellenz zählen deshalb zunehmend Leadership-Kompetenzen, wirtschaftliches Verständnis und die Fähigkeit, Innovationen sinnvoll in Klinikstrukturen zu integrieren. 
Erfolgreiche Chefärztinnen und -ärzte werden zu Brückenbauerinnen und -bauern – zwischen Menschen, Disziplinen und Systemen. Sie brauchen nicht nur ein gutes Verständnis für Medizin – sondern für Menschen und für Organisationen im Wandel.

Welche Karrieremöglichkeiten existieren abseits der klassischen Patientenversorgung?

Dr. Johanna Ludwig: Zuerst möchte ich eines ganz deutlich sagen: Die Arbeit am Patientenbett verdient unser aller höchsten Respekt. Als Chirurgin habe ich viele Jahre direkt in der Versorgung gestanden – im OP, in Nachtdiensten, im Gespräch mit Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen. Diese Arbeit ist intensiv, nah, manchmal unglaublich fordernd – und gleichzeitig zutiefst sinnstiftend. Sie hat mich als Mensch geprägt. Ich kenne kaum einen Beruf, in dem so viel unmittelbares Vertrauen geschenkt wird, in dem Entscheidungen so direkt Leben berühren. Wer in der direkten Versorgung von Patientinnen und Patienten arbeitet, tut das mit Herz, Verstand und oft unter Bedingungen, die weit über das hinausgehen, was in anderen Branchen selbstverständlich wäre.

Gleichzeitig gibt es auch andere Berufsbilder, die einen großen Wirkungsraum haben. Ob in der Entwicklung neuer Therapien, in der Medizintechnik, im digitalen Gesundheitsbereich oder in der Lehre – überall dort kann man als Medizinerin oder Mediziner große Hebel in Bewegung setzen.
Ein Beispiel: Wer an einer innovativen Therapie forscht, kann Tausenden oder Millionen Menschen helfen – ohne je mit ihnen im direkten Kontakt zu stehen. Oder wer sich in der Lehre engagiert, vervielfacht sein Wissen durch jede Generation Studierender.
Auch Management, Beratung oder Politik bieten Ärztinnen und Ärzten die Chance, systemisch zu wirken – jenseits des einzelnen Patientenfalls, aber mit Blick auf das große Ganze.

Gerade die Gesundheitspolitik braucht dringend mehr Stimmen aus der Praxis. Ärztinnen und Ärzte, die nicht nur mitreden, sondern mitgestalten – auf Basis von Erfahrung, Haltung und Verantwortung.

Welche Kompetenzen aus der Patientenversorgung helfen besonders, wenn man ins Management oder die Beratung wechselt?

Dr. Johanna Ludwig: Tatsächlich sind viele Kompetenzen, die wir in der direkten Versorgung entwickeln, wertvoll – gerade in Führungs- oder Beratungsrollen.
Wir lernen, unter Unsicherheit zu entscheiden, Prioritäten zu setzen, zu kommunizieren – empathisch, klar und oft unter Zeitdruck. Wir behalten den Überblick, auch wenn es eng wird. Und wir wissen, wie man mit Menschen umgeht, die sich in Ausnahmesituationen befinden.

Diese Fähigkeiten sind Gold wert – ob in der Strategieentwicklung, im Change Management oder in der Teamführung.

Wichtig ist nur: Wer sich für einen neuen Weg entscheidet, sollte das aus Überzeugung tun – nicht aus Frust. Wenn ich die Klinik verlasse, weil ich eigentlich gern ärztlich arbeite, aber die Bedingungen schlecht sind, laufe ich Gefahr, mein eigentliches Warum zu verlieren. Besser ist es dann, für Veränderung im System zu kämpfen – das ist erfüllender und langfristig oft wirksamer.

Welche Skills braucht man, um als Ärztin oder Arzt erfolgreich außerhalb der Patientenversorgung zu arbeiten?

Dr. Johanna Ludwig: Zunächst einmal: Ärztinnen und Ärzte bringen eine Vielzahl an „transferierbaren“ Fähigkeiten mit – viel mehr, als ihnen oft bewusst ist. Effizienz, Disziplin, Krisenfestigkeit, präzise Kommunikation, Belastbarkeit, Teamarbeit – das sind Kompetenzen, die in jedem anspruchsvollen Arbeitsumfeld zählen.

Aber: Je nachdem, in welchen Bereich man wechselt, kommen natürlich neue fachliche Anforderungen hinzu – sei es Projektmanagement, IT-Kompetenz, BWL oder regulatorisches Know-how. Das Entscheidende ist: Diese Dinge kann man lernen. Was viele davon abhält, ist nicht ein Mangel an Talent – sondern ein zu enger Selbstbegriff. Nur weil ich Medizin studiert habe, heißt das nicht, dass ich nicht auch andere Rollen einnehmen darf.

Man muss nicht sofort alles perfekt können. Außerhalb der Klinik darf man auch lernen, wachsen, scheitern – meist mit wesentlich weniger gravierenderen Folgen als in der direkten Versorgung von Patientinnen und Patienten. 

Was würden Sie jungen Kolleginnen und Kollegen raten, die sich zwischen Klinik und alternativen Karrierewegen entscheiden müssen?

Dr. Johanna Ludwig: Der größte Fehler ist, bei den möglichen Jobs anzufangen. Wenn du dir nur die Frage stellst: „Was könnte ich sonst machen?“, landest du schnell in einem Dschungel aus Optionen – aber ohne inneren Kompass.
Deshalb mein Rat: Fang bei dir selbst an. Nicht bei den Jobbörsen. Nicht bei den Erwartungen anderer. Sondern bei deinen Werten: Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Was gibt dir Sinn? Was willst du bewegen – unabhängig davon, ob du es im Kittel, im Hörsaal oder im Projektteam tust? Wenn du das für dich geklärt hast, kannst du viel gezielter bewerten, welche Arbeitsumfelder überhaupt zu dir passen – und welche nicht.

Wenn du den ärztlichen Beruf liebst, aber die Rahmenbedingungen dich frustrieren – dann prüfe, ob du selbst Teil der Lösung sein willst. Veränderung im System beginnt oft bei den Menschen, die bleiben und etwas anders machen. Das ist mutiger, als sich zurückzuziehen. Und es hat Wirkung – auf dich selbst und auf die, die nach dir kommen. Wenn du spürst, dass du in andere Bereiche gehen möchtest: Geh nicht aus dem Mangel heraus, sondern aus Klarheit. Triff eine Entscheidung für etwas – nicht nur weg von etwas. 

Wenn du wirklich neugierig bist auf neue Felder: Sammle Eindrücke. Hospitiere, vernetze dich, frag nach – aber mach es strukturiert. Schreib auf, was dich antreibt, was dir wichtig ist und wo du langfristig hinwillst. Ein Tool, das ich dir dafür sehr empfehle, ist das „Ikigai“: Es verbindet deine Leidenschaft, deine Stärken, das, was die Welt braucht, und das, wofür du bezahlt werden kannst. Damit kannst du die vielen Joboptionen, die dir Google liefert, plötzlich mit Tiefe und Richtung betrachten.

Am Ende geht es nicht um den perfekten Jobtitel – sondern darum, ein Leben zu führen, das sich für dich stimmig anfühlt. Und das beginnt nicht mit einem Stellenangebot – sondern mit dir selbst.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.