HNU Healthcare Management Insights #54

18.05.2026, Dialogues:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal zu Gast: Julia Glöggler und Christopher Nolde zum Thema Fachkräftemangel in der Altenpflege. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Nach der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege am Universitätsklinikum Ulm war Julia Glöggler, MBA, mehrere Jahre als Honorardozentin sowie in leitenden Funktionen im Schul- und Stabsstellenmanagement des RKU Ulm tätig. Parallel absolvierte sie ein Bachelorstudium in Pflegepädagogik an der Hochschule Weingarten sowie ein Masterstudium in Management und Führung im Gesundheitswesen an der HNU. Von 2021 bis 2025 arbeitete sie als Regionalleitung bei der Stiftung Haus Lindenhof und verantwortete dort die operative und strategische Steuerung mehrerer Einrichtungen. Seit April 2025 ist sie als Teamleitung Personalentwicklung bei der compassio gruppe b.v. & co. kg tätig. 

Christopher Nolde, MBA, hat nach dem Abitur zunächst bei der Bundeswehr als Offizier der Fallschirmjäger und Presseoffizier Karriere gemacht. An der Universität der Bundeswehr in München studierte er erfolgreich Politik & VWL und machte berufsbegleitend einen MBA in MediaManagement. 2004 wechselte er in die Wirtschaft und war dort bisher in verschiedenen Branchen u.a. für die shareholder DAIMLER, die Agenturgruppe FISCHERAPPELT oder die Private Equity Gesellschaften AURELIUS-Group,  GENUI und Waterland als Geschäftsführer tätig. Seit 2009 ist er selbständiger Interim Manager und Unternehmensberater, seit 2023 ist der CEO von compassio.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz
Julia Glöggler und Christopher Nolde

In der Altenpflege ist der Fachkräftemangel besonders stark ausgeprägt. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptursachen für den Fachkräftemangel in der Altenpflege? 

Julia Glöggler: Der Fachkräftemangel ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungen, die sich über Jahre aufgebaut haben. Zum einen steigt durch den demografischen Wandel die Zahl der pflegebedürftigen Menschen deutlich an. Gleichzeitig entscheiden sich zu wenige junge Menschen für einen Beruf in der Pflege oder bleiben nicht ausreichend lange in der Branche. Hinzu kommt die hohe körperliche und emotionale Belastung im Arbeitsalltag. Auch die gesellschaftliche Wahrnehmung des Pflegeberufs hat lange nicht die Wertschätzung widergespiegelt, die diese Arbeit verdient. 

Christopher Nolde: Es ist wie bei der Spargelernte gerade – obwohl die Pflege inzwischen top bezahlt. Wir können fordernde Berufe immer weniger besetzen in Deutschland. Die Nachfrage wächst schneller als das Angebot an qualifiziertem Personal. Gleichzeitig stehen wir im Wettbewerb – national wie international – um gut ausgebildete Fachkräfte. Das erhöht den Druck, echte langfristige Strategien für Ausbildung, Bindung und Rekrutierung zu erarbeiten. Es ist ja ein toller Beruf, voller Erfüllung und Lebensfreude! 

Welche Rolle spielen Arbeitsbedingungen und Führungskultur im Vergleich zu Gehalt und Karriereperspektiven bei der Personalbindung? 

Julia Glöggler: Arbeitsbedingungen und Führungskultur sind zentrale Faktoren für die Zufriedenheit im Alltag. Verlässliche Dienstpläne, ausreichend Zeit für die Pflege und eine wertschätzende Zusammenarbeit im Team haben einen unmittelbaren Einfluss darauf, ob Mitarbeitende gerne zur Arbeit kommen. 

Christopher Nolde: Alles muss stimmen, der Beruf prägt unser Leben. Die Bezahlung natürlich, aber auch eine positive Unternehmenskultur, faire Führung, persönliche Entwicklungsmöglichkeiten und Stabilität. Die Leute wollen Perspektiven. Wir verbringen mehr Zeit im Job als irgendwo anders, also ist die Erwartung auch hoch. Total verständlich für mich.

Welche innovativen Ansätze sehen Sie, um Pflegekräfte langfristig im Beruf zu halten, insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass das Durchschnittsalter der Pflegekräfte steigt? 

Julia Glöggler: Ein wichtiger Ansatz ist, stärker auf individuelle Lebenssituationen einzugehen. Flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeitoptionen können dazu beitragen, dass Mitarbeitende langfristig im Beruf bleiben. Zudem gewinnen Angebote zur mentalen Gesundheit, Coaching und Supervision an Bedeutung. Ebenso wichtig sind klare Entwicklungspfade, damit Mitarbeitende ihre berufliche Zukunft aktiv gestalten können. 

Christopher Nolde: Innovation heißt für uns, auch mal aus alten Strukturen auszubrechen. Moderne, flache Teamstrukturen mit viel Eigenverantwortung gehören dazu, natürlich auch digitale Unterstützung, wo es geht. Verwaltungsaufgaben reduzieren und Zeit mit den Bewohnern erhöhen - das schafft die entscheidende Zufriedenheit und manchmal auch das kleine bisschen Glücksgefühl, warum wir in der Pflege und nicht bei VW, Amazon oder an der Käsetheke arbeiten. 

Digitalisierung und KI verändern nahezu jede Branche. Wie können Digitalisierung und KI dazu beitragen, Pflegekräfte zu entlasten, ohne die menschliche Zuwendung zu gefährden? 

Julia Glöggler: Digitale Lösungen können insbesondere administrative Aufgaben vereinfachen, etwa in der Dokumentation oder Dienstplanung. Wenn diese Prozesse effizienter werden, bleibt mehr Zeit für die direkte Betreuung der Bewohnerinnen und Bewohner. Genau das ist der Kern der Pflege. 

Christopher Nolde: Technologie in der Pflege muss Freiräume für die Zeit am Bett schaffen, also notwendige Verwaltungs- und Kontrollprozesse vereinfachen, ggfs. schnell aus bestimmten Krankheitsbildern die passende Heilung vorschlagen oder Muster erkennen, die systematisch angegangen werden müssen. 

Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht die internationale Rekrutierung? 

Julia Glöggler: Internationale Fachkräfte sind ein wichtiger Bestandteil des Pflegemarktes. Es mangelt keinesfalls an Interessenten. Entscheidend ist jedoch, dass Integration ganzheitlich gedacht wird – sprachlich, fachlich und auch kulturell. Nur wenn sich Menschen gut aufgenommen fühlen, entsteht langfristige Bindung. 

Christopher Nolde: Internationale Rekrutierung ist wichtiger denn je, ohne geht es nicht mehr. Die Ausbildung im Inland dürfen wir trotzdem nicht vernachlässigen – beides muss Hand in Hand gehen. 

Was gibt Ihnen Zuversicht für die Zukunft der Pflege? 

Julia Glöggler: Ich sehe viel Engagement und Veränderungsbereitschaft – sowohl bei Trägern als auch bei den Mitarbeitenden selbst. Wenn wir es schaffen, Arbeitsbedingungen weiter zu verbessern und individuelle Bedürfnisse stärker zu berücksichtigen, wird Pflege ein langfristig attraktiver Beruf bleiben. 

Christopher Nolde: Die Pflege ist ein ganz besonderer Beruf, der auch immer besondere Menschen anziehen wird. Ich mache mir da keine Sorgen. Ein bisschen Professionalität und gute Laune reichen.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.