Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Manuel Schaaf absolvierte ein duales Studium in Design & Developement (B. Eng.) bei der Karl Storz SE & Co. KG, wo er im Anschluss als Sales Trainee und und Produktmanager tätig war, und einen MBA in Medical Devices & Healthcare Management. Seit 2024 ist er Global Product Manager bei dem deutschen Pharma- und Medizinbedarfsunternehmen B. Braun SE. Dort verantwortet er u.a. die Marketingkampagne für das VR-Trainingsprogramm und bereitet globale Produkteinführungen vor.

Was versteht man unter „ESG“?
Manuel Schaaf: Die Abkürzung ESG steht für Environmental, Social and Governance und bezeichnet Rahmenbedingungen zur Bewertung des nachhaltigen Handelns von Unternehmen. Die Bruntland-Kommision der Vereinten Nationen definiert Nachhaltigkeit als eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Bedürfnisse künftiger Generationen zu gefährden.
Welche Relevanz hat das Thema ESG im Gesundheitswesen, v.a. auch im Bereich der Medizinprodukteindustrie?
Manuel Schaaf: Der Gesundheitsbereich, einschließlich der Medizintechnikunternehmen, hat einen erheblichen Einfluss auf die Umwelt. Das Gesundheitswesen ist ein wesentlicher Verursacher von Treibhausgasemissionen und spielt daher eine entscheidende Rolle bei deren Reduzierung. Insgesamt sind etwa 5 % des globalen ökologischen Fußabdrucks auf Organisationen des Gesundheitssektors zurückzuführen.
Soziale Verantwortung bildet die Grundlage des Gesundheitswesens. Der Klimawandel führt zu jährlich zusätzlichen 250.000 Todesfällen, was die Dringlichkeit verdeutlicht, die sozialen und ökologische Herausforderungen anzugehen. Ein wesentlicher Aspekt ist auch die Erreichbarkeit von Gesundheitsdienstleistungen, da der Zugang zu medizinischer Versorgung entscheidend für die öffentliche Gesundheit ist.
Letztendlich ist eine starke Governance besonders wichtig in der Medizintechnikbranche, da die Produkte dieser Unternehmen direkt das Leben der Menschen beeinflussen. Die Unternehmen müssen sicherstellen, dass ihre Geschäftsprozesse ethisch und verantwortungsvoll sind, um das Vertrauen der Öffentlichkeit zu gewinnen und zu erhalten.
Welche Gesetze und Richtlinien sind für ESG von besonderer Bedeutung?
Manuel Schaaf: Die Bedeutung von ESG-Gesetzen und -Richtlinien hat in den letzten Jahren stark zugenommen, um die Nachhaltigkeit und das verantwortungsvolle Verhalten von Unternehmen zu erhöhen. Zu den wichtigsten gesetzlichen Regelungen gehören die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die EU-Taxonomie, das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und die Corporate Sustainability Due Diligence Directive (CSDDD).
- Die CSRD erweitert die Berichtspflichten von Unternehmen in Bezug auf Nachhaltigkeitsaspekte und gilt für große Unternehmen und kapitalmarktorientierte KMU in der EU. Die erhöhte Transparenz versetzt Investoren und andere Interessengruppen in eine bessere Lage, nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
- Als zentrales Instrument zur Unterstützung der CSRD lässt sich die EU Taxonomie ausmachen, welches eine Klassifizierungssystem ist, das wirtschaftliche Aktivitäten nach ihren Umweltauswirkungen bewertet und als zentrales Instrument zur Unterstützung der CSRD dient. Sie hilft den Unternehmen, ihre Nachhaltigkeitsberichte zu strukturieren und zu quantifizieren, und erleichtert es den Investoren, nachhaltiges wirtschaftliches Handeln zu erkennen.
- Zunächst national verpflichtet das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) Unternehmen zur Einhaltung menschenrechtlicher und ökologischer Verpflichtungen entlang ihrer Lieferketten. Es verlangt von den Firmen, dass sie Risiken identifizieren und entsprechende Maßnahmen ergreifen, um diese zu vermeiden oder zu reduzieren.
- Die CSDDD ergänzt die Anforderungen des LkSG auf EU-Ebene und fördert eine ganzheitliche nachhaltige Unternehmensführung.
Welche Chancen und Herausforderungen sind mit dem Thema ESG für Medizinprodukteunternehmen verbunden?
Manuel Schaaf: Die gesetzlichen Vorschriften sind von entscheidender Bedeutung für die Umsetzung von ESG-Maßnahmen. Doch auch bedeutende Investoren, darunter Blackrock, berücksichtigen heute in hohem Maße die nachhaltige Unternehmensführung, insbesondere beim Klimarisikomanagement und der langfristigen Wertschöpfung. Dieser Trend hat dazu geführt, dass ESG-Investitionen weltweit 17,5 Billionen Dollar übersteigen. Auch die Unternehmen selbst erkennen die Dringlichkeit, zu handeln, denn die Umwelt- und Klimarisiken steigen rasant. Der Klimawandel ist das größte globale Risiko und könnte zwischen 2021 und 2070 Verluste in Höhe von 178 Billionen Dollar verursachen. Die Messung von Emissionen in der gesamten Wertschöpfungskette ist daher unerlässlich, um Umweltprobleme zu bewältigen sowie auf Unterbrechungen der Lieferkette und Naturkatastrophen zu reagieren. Darüber hinaus bevorzugen zwei Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer einen Arbeitgeber, der auf Nachhaltigkeit achtet. Außerdem sind 90 % der Verbraucherinnen und Verbraucher der Generation Z bereit, 10 % mehr für nachhaltige Produkte zu bezahlen.
Eine Herausforderung für die Nachhaltigkeitsberichterstattung und die Einhaltung der Standards ist die Datenerhebung, da die genaue Messung von Nachhaltigkeitskennzahlen konsistente und verlässliche Daten voraussetzt. Nur 31 % der Befragten innerhalb der Studie von Assent in 2023 gaben an, dass sie großes Vertrauen in die Qualität und Genauigkeit der Lieferkettendaten ihres Unternehmens haben. Darüber hinaus hemmt der kurzfristige Geschäftsfokus die nachhaltige Ausrichtung der Medizintechnikunternehmen, indem er die Risiken der Ressourcenerschöpfung ausblendet, die Einführung der Kreislaufwirtschaft erschwert und die langfristigen Umweltauswirkungen vernachlässigt. Zwar setzen sich 19 der 20 größten Medizintechnikunternehmen Ziele zur Reduzierung ihrer CO2-Emissionen, aber nur 40 Prozent beziehen dabei auch die Emissionen von Verbraucherinnen und Verbrauchern und Zulieferern mit ein. Gerade diese sogenannten Scope-3-Emissionen verursachen jedoch den Großteil der Emissionen.
Welche Maßnahmen haben Medizintechnikunternehmen im Bereich ESG implementiert?
Medizintechnikunternehmen setzen eine Vielzahl von Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Nachhaltigkeit um. Ein zentraler Schritt ist die Etablierung von Prozessen zur Datenerfassung und -auswertung, insbesondere für Scope 3 Emissionen, die ca. 70 % der Emissionen ausmachen. Grundsätzlich nutzen Unternehmen Lebenszyklusanalysen, um die Umweltauswirkungen ihrer Produkte zu bewerten und Maßnahmen zu ergreifen, die die Energieeffizienz steigern und Abfälle reduzieren. Eine wichtige Rolle nehmen als praktische Umsetzung der Einsatz erneuerbarer Energien wie Solar- und Windenergie sowie eine energieeffiziente Betriebsführung ein. Darüber hinaus wird durch umweltorientierte Beschaffung gezielt versucht, die CO2-Emissionen in der Lieferkette zu reduzieren.
Ein Beispiel hierzu ist das Unternehmen B. Braun, das im Rahmen der „Grünen Dialyse“ den Ressourcenverbrauch in seinen Dialysezentren deutlich reduziert, was zu einer Einsparung von mehr als einer Million Liter Wasser pro Jahr führen kann. Als weitere Maßnahme setzt das Unternehmen in seiner Produktion in Sempach auf CO2-neutrale Energiegewinnung durch Geothermie, wodurch jährlich rund 100.000 Liter Heizöl eingespart werden können.
Vielen Dank für das Gespräch!
Quellenangaben und weiterführende Literaturhinweise sind über Herrn Schaaf verfügbar.
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





