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HNU Healthcare Management Insights #23

18.12.2024, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal geht es um ambulante Transformation im OP und das AOP-Dilemma. Rede und Antwort steht Jascha Rinke. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Vom Betreiber zum Berater: Jascha Rinke betrieb gemeinsam mit Anästhesisten eine operative Praxisklinik; inzwischen berät er als Geschäftsführer der RINKE+HENSSLER GmbH Einrichtungen des Gesundheitswesens. Zuvor studierte er Health Economics (B.A.) an der Hochschule Fresenius und Healthcare Management (MBA) an der Universität Bayreuth und war in mehreren führenden Positionen im Healthcare Consulting tätig. 

Porträtfoto von Jascha Rinke
Jascha Rinke

Seit vielen Jahren wird in Deutschland die Ambulantisierung operativer Fälle politisch gefordert. Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe dafür, dass die Umsetzung so schleppend verläuft?

Jascha Rinke: Die Gründe sind vielfältig und ineinander verwoben. Einerseits sind die Strukturen in vielen Krankenhäusern noch stark auf stationäre Behandlungen ausgelegt, und der notwendige Umbau erfordert Investitionen in Prozesse und Infrastruktur. Andererseits fehlen einheitliche Regelungen und finanzielle Anreize, die den Wandel hin zu ambulanten OP-Settings erleichtern.

Ein zentraler Hemmschuh ist jedoch die Vergütungsstruktur. Stationäre Eingriffe sind nun mal wirtschaftlich attraktiver, wodurch Krankenhäuser motiviert sind, diese bevorzugt stationär abzurechnen. Das führt zu einem Dilemma, das wir als AOP-Dilemma bezeichnen: Aktuell bleiben da nur wenige, oft unattraktiv vergütete ambulante Fälle übrig, die allein nicht ausreichen, um ein eigenständiges ambulantes OP-Zentrum wirtschaftlich tragfähig zu betreiben. Dieses Spannungsfeld blockiert den Wandel, obwohl das Gesundheitssystem dringend eine Entlastung durch effizientere Prozesse benötigt.

Sie sprechen oft vom sogenannten AOP-Dilemma. Was genau meinen Sie damit, und wie beeinflusst es die Ambulantisierung?

Jascha Rinke: Das AOP-Dilemma beschreibt die widersprüchliche Situation, in der Krankenhäuser versuchen, den ambulanten Bereich auszubauen, gleichzeitig aber an den stationären Strukturen festhalten müssen. Stationäre Eingriffe sind wirtschaftlich oft deutlich attraktiver, was Krankenhäuser dazu verleitet, diese weiterhin vorzuziehen.

Ambulante OPs hingegen sind in der aktuellen Vergütungsstruktur häufig unattraktiv. Der Aufbau der notwendigen ambulanten Infrastruktur bleibt vielfach aus, weil er mit Investitionskosten und wirtschaftlichen Risiken verbunden ist. Verstärkt wird dieses Dilemma durch die politische Unsicherheit: Es fehlt an klaren Rahmenbedingungen und langfristig stabilen Vergütungsmodellen, sodass viele Einrichtungen zögern, in den ambulanten Bereich zu investieren.

So entsteht ein Teufelskreis, in dem die Ambulantisierung trotz politischen Willens und prozessualer Vorteile erheblich ausgebremst wird. Dieser Konflikt zwischen den Erwartungen an Fortschritt und den realen Hürden blockiert die dringend notwendige Transformation.

Haben Sie eine Lösung für dieses Dilemma? Wie könnte man die Ambulantisierung vorantreiben?

Jascha Rinke: Eine vielversprechende Lösung sehe ich in einem Elektiven OP-Zentrum (EOP), das ambulante und planbare stationäre Patienten in einem Short-Track-Konzept kombiniert. Dieses Modell bietet nicht nur erhebliche Einsparpotenziale bei Belegungstagen, sondern steigert auch die Effizienz der Abläufe. Stationäre Patientinnen und Patienten werden wie Ambulante am Tag der OP in den EOP aufgenommen und erst nach der Operation auf die Station verlegt (Prinzip: Same-Day-Surgery). Dadurch entfallen unnötige Voraufenthalte und es wird wertvolle Kapazität auf den Stationen freigesetzt, was zu signifikanten Einsparpotenzialen führt.

Darüber hinaus bleibt das EOP-Konzept flexibel, da es sich sowohl an ambulante als auch an stationäre Anforderungen anpasst und auf zukünftige Entwicklungen reagieren kann. Das Modell ist nicht nur für Neubauten geeignet, sondern lässt sich auch problemlos, bei entsprechenden Gegebenheiten, in bestehende Krankenhausinfrastrukturen integrieren.

Ein weiterer Vorteil dieses Ansatzes ist die Steigerung der Prozess- und Ressourceneffizienz. Krankenhäuser können ihre Abläufe optimieren, indem sie sowohl ambulante als auch stationäre Patientinnen und Patienten in einem integrierten Konzept behandeln, was zu einer besseren Auslastung und einer Reduzierung von Leerzeiten führt. Dieses Modell ermöglicht eine schrittweise, anpassungsfähige Ambulantisierung, die den unterschiedlichen Anforderungen und Entwicklungen im Gesundheitswesen gerecht wird.

Sie sprechen von Einsparpotenzialen durch die Reduktion von Belegungstagen – Können Sie das Einsparpotenzial durch Ihr Konzept konkret abschätzen?

Jascha Rinke: Ja, wir haben gemeinsam mit der Bindoc GmbH eine Systematik zur Berechnung des Einsparpotenzials entwickelt, die eine Tendenz zum realen Einsparpotenzial liefert. Wir haben ein Cluster geeigneter elektiver Operationen definiert und innerhalb dieses Clusters spezifische Leitplanken festgelegt. Auf dieser Grundlage konnte Bindoc die relevanten Zahlen errechnen. Im definierten Cluster ergibt sich, dass im Median etwa 0,55 präoperative Belegungstage pro Fall eingespart werden können. Das bedeutet, dass eine Klinik bei der Anwendung unseres EOP-Konzepts pro Jahr rund 363 Belegungstage einsparen kann. Hochgerechnet auf etwa 1.800 Krankenhäuser in Deutschland und mittlere Kosten von 300 € / Tag ergibt sich allein durch die Reduktion präoperativer Aufenthalte ein signifikantes Einsparpotenzial in dreistelliger Millionenhöhe.

Zu diesem Thema wird es in Kürze eine entsprechende Veröffentlichung geben, in der wir die Details der Berechnungen und die genauen Zahlen weiter erläutern werden.

Auf welcher Basis haben Sie das Cluster für Ihr Konzept definiert? Welche Expertise und praktischen Erfahrungen haben Sie dabei eingebracht, und wie fließt diese in Ihr Konzept ein?

Jascha Rinke: Das Cluster basiert auf unseren eigenen praktischen Erfahrungen aus dem Betrieb einer großen Praxisklinik mit über 8.000 Eingriffen jährlich. In enger Zusammenarbeit mit mehr als 70 niedergelassenen Fachärzten, die in unserer Praxisklinik tätig waren, haben wir dieses Cluster über die Jahre verfeinert. Darüber hinaus gleichen wir dies kontinuierlich mit den Daten der Deutschen Praxisklinikgesellschaft (PKG e.V.) ab.

Fairerweise muss man dabei berücksichtigen, dass Krankenhäuser ein deutlich komplexeres Patientenkollektiv haben. Daher muss das Cluster für jedes Krankenhaus individuell angepasst werden. Es gibt jedoch auch Krankenhäuser, die dieses Konzept bereits erfolgreich in die Praxis umgesetzt haben.

Vielen Dank für das Gespräch! 

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.