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HNU Healthcare Management Insights #28

18.03.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal zu Gast: Prof. Dr. Wolfgang Merk mit dem Thema Finanzinvestoren in der ambulanten Versorgung. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Prof. Dr. rer. pol. Wolfgang Merk hat zuerst BWL mit Schwerpunkt Klinikmanagement und danach Wirtschaftswissenschaften studiert. Promoviert wurde der Diplom-Ökonom dann mit einer Dissertation über Wettbewerb um Gesundheitswesen.  Er ist Studiengangsleiter BWL-Gesundheitsmanagement an der DHBW Stuttgart und außerdem als Sachverständiger für die Bewertung von Unternehmen und Praxen im Gesundheitswesen öffentlich bestellt und vereidigt.   

Prof. Dr. Dr. Wolfgang Merk

Welche Rolle spielen Finanzinvestoren derzeit in der ambulanten Versorgung und warum ist der ambulante Markt in Deutschland für Finanzinvestoren von besonderem Interesse?

Prof. Dr. Wolfgang Merk: Finanzinvestoren haben in den letzten Jahren zwar erheblich ins deutsche Gesundheitswesen investiert, insgesamt dürfte der Private-Equity-Anteil an allen Arzt- und Zahnarztpraxen aber lediglich bei um die 2% liegen. Private Equity-Unternehmen sahen in Zeiten von niedrigen Zinsen das deutsche Gesundheitswesen als einen de facto risikolosen Safe Haven an, bei dem man eine Vor-Steuer Eigenkapitalrentabilität von 8 bis 10 % erzielen kann, wenn man einen freiberuflichen Arzt durch einen angestellten Arzt ersetzt. Die PE-Unternehmen verfolgten zudem eine sog. Buy-and-Build-Strategie. Dabei hofften Sie, dass sie eine Wertsteigerung dadurch erreichen, indem sie die einzelne akquirierte Praxis im Rahmen des Verkaufs einer Praxis-Kette zu einem erheblich höheren Preis weiterveräußern können. 

Dadurch, dass Finanzinvestoren zwar nicht direkt, aber indirekt über den Erwerb eines Plankrankenhauses Praxen in eine MVZ GmbH überführen und betreiben können, sind auch die notwendigen rechtlichen Rahmenbedingungen für das Entstehen von Holding-Strukturen vorhanden. 

Welche Chancen, welche Herausforderungen sehen Sie im Zusammenhang mit der Beteiligung von Investoren an der ambulanten Versorgung?

Prof. Dr. Wolfgang Merk: Das Thema wurde in der Vergangenheit von vielen Akteuren gesundheits- und berufspolitisch aufgeladen – leider ideologisch getriggert und kontrafaktisch kommuniziert. Der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Prof. Lauterbach hat in Interviews und seinen berühmt-berüchtigten Tweets „Investoren“ im Gesundheitswesen undifferenziert „absolute Profitgier“ unterstellt. Praxen würden nur deswegen übernommen, um sie dann mit „maximalem Gewinn“ zu betreiben“. Bereits die laienhaften Begriffswahl lässt vermuten, dass Herr Prof. Lauterbach wohl erhebliche Defizite in ökonomischem Basiswissen hat. Geradezu skandalös finde ich allerdings, dass in einer sozialen Marktwirtschaft, die auf privaten Investitionen basiert, Politiker ohne jegliche Faktengrundlage den Unternehmen, die bereit sind, ihr Geld in die Gesundheitsversorgung zu investieren, per se unethische Motive zu unterstellen und sie damit de facto zu kriminalisieren.

Fakt ist, dass allein bei den Humanmedizinern nach meinen Berechnungen pro Jahr ca. 2.600 Praxen nicht nachbesetzt werden können, auch weil junge Mediziner lieber angestellt als freiberuflich arbeiten. Im Bereich der ambulanten Versorgung entspricht das einer Investitionslücke von ca. 1,4 Mrd. € jährlich. Wer soll diese Investitionen tätigen? Der Staat mit noch mehr Schulden, die als Sondervermögen camoufliert werden? Die GKV mit noch mehr Defizit? Wir benötigen dringend mehr private Investoren, nicht weniger. 

Wie wird die Thematik aus Sicht der Politik und der Krankenversicherungen (KV) bewertet?

Prof. Dr. Wolfgang Merk: Die KV und auch die Krankenkassen haben munter in das Investoren-Bashing eingestimmt. Aus Sicht der KV ist das natürlich verständlich, denn sie sind ja de facto Lobbyorganisationen der niedergelassenen Ärzte und verstehen sich zudem als Lordsiegelbewahrer der Freiberuflichkeit. In der Außenkommunikation der KV und der KBV kann man problemlos den Eindruck gewinnen, dass den niedergelassenen Ärzten Gewinnstreben völlig wesensfremd ist und sie ja eigentlich ohne jegliches monetäre Interesse am Existenzminimum agieren. Die KV fordern ja nur „auskömmliche Honorare“, was immer sie auch darunter verstehen wollen. Nach deren Narrativ schaffen es im selben Markt die „bösen“ Investoren, Maximalrenditen zu erzielen, während die „guten“ Ärzte gerade so über die Runden kommen. Nicht gerade glaubwürdig. Übrigens: Wer so kommuniziert wie die KBV, muss sich nicht wundern, wenn ihm der Nachwuchs abhandenkommt und sich niemand mehr in die Freiberuflichkeit wagt. 

Wie wird sich das Thema in der Zukunft entwickeln?

Prof. Dr. Wolfgang Merk: Das Thema ist eigentlich schon wieder durch, denn seit Ende 2022 sind die Finanzinvestoren wieder auf dem Rückzug. Das hat im Wesentlichen drei Gründe: 

1. Unsicherheit über die politischen Rahmenbedingungen: Herr Lauterbach hat allein mit seiner Drohung eines Anti-Investoren-Gesetzes die Fonds erheblich verunsichert.

2. Das gestiegene Zinsniveau: Dadurch haben sich aus Investorensicht alternative Anlageformen in ihrer Attraktivität deutlich verbessert und zudem ist das Potenzial, um den Leverage-Effekt zu nutzen, deutlich reduziert, da auch PE mit Fremdkapital arbeitet. 

3. Mangelndes Branchenwissen und überschätzte Synergieeffekte: Die meisten Private-Equity-Manager haben ihre Bewertungsmodelle und ihr Erfahrungswissen unkritisch von anderen Branchen auf den ambulanten Bereich übertragen. Jetzt stellen sie fest, dass angestellte Ärzte eben nur ca. 70 % des Umsatzes des zu substituierenden Freiberuflers erzielen, gleichzeitig die Gehälter überproportional steigen, der Personalmangel ein Riesenthema ist und die Privatpatienten lieber in kleinere Praxen gehen. Zudem lassen sich z.B. durch Digitalisierung nur wenig Synergien heben.

Im Ergebnis sitzen nun viele Finanzinvestoren auf zu teuer eingekauften Praxen und müssen zusehen, wie ihr EBIT täglich etwas mehr Richtung Süden wandert. Ein erhoffter Verkauf als Kette an andere PE hat sich damit auch erledigt. Ich gehe davon aus, dass die Investoren zunehmend unter Verkaufsdruck geraten. Sie werden deswegen intensiv versuchen, strategische Investoren zu finden, müssen sich aber dafür vorher restrukturieren. Das wird Ihnen aber schwerlich gelingen. Meine Prognose ist, dass viele Investoren ihre MVZ demnächst verkaufen müssen und wegen fehlender Alternativen einzeln auf den Markt bringen.  Irgendwann reift dort die Erkenntnis, dass man dem schlechten Geld kein gutes mehr hinterherwerfen soll.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.