Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Dr. Simon Mayer leitet die Stabsstelle Strategisches Medizincontrolling am Universitätsklinikum Ulm und ist in dieser Funktion für Analysen rund um alle strategischen Fragestellungen des Klinikums verantwortlich. Nach dem Studium der Humanmedizin an der Universität Ulm verpflichtete er sich als Sanitätsoffizier bei der Bundeswehr und absolvierte die Weiterbildung zum Facharzt für Neurochirurgie am Bundeswehrkrankenhaus Ulm. Inspiriert durch das berufsbegleitende Masterstudium „Führung und Management im Gesundheitswesen“ an der Hochschule Neu-Ulm wechselte er 2019 von der Medizin am Patienten in das OP-Management. Darüber hinaus war er als Leiter Medizincontrolling und als stellvertretender Leiter des Zentralen Klinischen Managements am Bundeswehrkrankenhaus Ulm tätig. Seit dem Ende seiner Dienstzeit als Soldat auf Zeit im Juli 2024 ist er am Universitätsklinikum Ulm tätig. Im Alter von 15 Jahren gründete er ein Unternehmen im IT-Bereich und hat sich die Begeisterung für IT und Digitalisierung bis heute erhalten.

Wie sehen Sie die aktuellen Veränderungen in der Krankenhauslandschaft durch das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG)?
Dr. Simon Mayer: Das KHVVG wird die Krankenhauslandschaft in den kommenden Jahren erheblich verändern. Gegen Ende des Gesetzgebungsprozesses wurde beim KHVVG oft „Geschwindigkeit vor Qualität“ gesetzt, sodass die Auswirkungen einiger Instrumente des Gesetzes auf den Gesundheitsmarkt nicht betrachtet wurden. Ich erwarte erhebliche Veränderungen für Patientinnen und Patienten sowie Mitarbeitende im Gesundheitswesen, die bisher in der öffentlichen Diskussion kaum thematisiert wurden. Durch Instrumente wie die Vorhaltevergütung kann es für Kliniken ökonomisch sinnvoll sein, im aktuellen Zeitraum der Vorhaltevergütung nur 80 % der Leistung des letzten Zeitraumes zu erbringen, da die Vorhaltevergütung im Korridor von +/- 20 % unverändert bleibt. In Kombination mit der geforderten Reduktion von Kapazitäten könnte dies zu deutlich längeren Wartezeiten führen. Klinikschließungen bedeuten für Patientinnen und Patienten spürbare Änderungen ihrer Versorgungssituation vor Ort und oft längere Fahrzeiten. Nicht nur Schließungen, sondern auch der Wegfall von Leistungsbereichen innerhalb der Kliniken erfordert für viele Mitarbeitende im Gesundheitswesen eine berufliche Neuorientierung.
Welche konkreten Auswirkungen erwarten Sie für die Universitätsmedizin?
Dr. Simon Mayer: Der besondere Auftrag eines Universitätsklinikums ist neben der Behandlung von Patientinnen und Patienten auf hohem Niveau auch Forschung, Lehre sowie die Translation von Forschungsergebnissen in die Krankenversorgung. Eine umfassende und exzellente Forschung und Lehre erfordert ein breites Leistungsangebot im klinischen Bereich, um eine Verengung der Forschungsfelder zu vermeiden. Daher verfolgen wir das Ziel, auch in der Leistungsgruppensystematik breit aufgestellt zu sein und unser aktuelles Leistungsspektrum vollumfassend abzubilden. Die geforderte Konzentration spezialisierter Leistungen an Zentren bedeutet für die Universitätsmedizin eine Zunahme komplexer und hochkomplexer Leistungen. Unsere Simulationen zeigen, dass in einigen Leistungsbereichen die Anzahl der Behandlungen um bis zu 100 % steigen könnten. Um diese Herausforderung zu meistern, müssen Prozesse, Abläufe und Ressourcen des Klinikums angepasst werden. Zudem ist eine enge Zusammenarbeit mit ambulanten Leistungserbringern, Pflege- und Reha-Einrichtungen sowie anderen Kliniken in der Region erforderlich.
Welche spezifischen Herausforderungen sind mit der Reform im Hinblick auf die Vernetzung von Universitätskliniken mit anderen Krankenhäusern verbunden?
Dr. Simon Mayer: Die Konzentration hochkomplexer Leistungen an spezialisierten Zentren erfordert zwingend eine aktive Steuerung der Patientinnen und Patienten im ambulanten und stationären Bereich. Dafür ist eine enge Abstimmung der regionalen Versorger wichtig. Diesem Bedarf tragen wir durch den Lenkungsausschuss zur regionalen Gesundheitsversorgung Rechnung, in dem sich die Stiftungskliniken Weißenhorn, das Bundeswehrkrankenhaus Ulm, die Alb-Donau Kliniken und das Universitätsklinikum Ulm gemeinsam mit Landrat Heiner Scheffold diese wichtigen Abstimmungen zur Krankenhausreform widmen, um eine optimale stationäre Versorgung in der Region sicherzustellen. Um gelebte Kooperationen zu fördern, ist der schnelle und sichere Austausch von Behandlungsdaten in standardisierten Formaten und mit gemeinsamen Systemen entscheidend. Hier sehe ich einen deutlichen Nachholbedarf. Digitale Technologien sind zwar vorhanden, werden jedoch aus verschiedenen Gründen nicht genutzt. Ein großes Hindernis ist meiner Meinung nach ein überzogener Datenschutz, der viele sinnvolle Projekte blockiert. Ein weiteres aktuelles Thema ist die Vernetzung innerhalb des Gesundheitswesens als Vorbereitung auf Krisen und Kriege. Das Universitätsklinikum Ulm hat für die vom Sozialministerium definierte Versorgungsregion C die Koordinierungs- und Vernetzungsrolle übernommen. Um vorbereitet zu sein, müssen Vernetzung, Austausch und Abstimmung zwischen den Leistungserbringern bereits jetzt etabliert und für schwierige Zeiten geübt werden. Außerdem müssen Land und Bund Ressourcen für diese Aufgaben bereitstellen.
Was bedeutet die Krankenhausreform für die Weiterentwicklung der medizinischen Ausbildung?
Dr. Simon Mayer: Die Aufteilung in spezialisierte Versorger einerseits sowie Grund- und Regelversorgung andererseits hat Auswirkungen auf die Aus-, Fort- und Weiterbildung. Für die Erfüllung der Ausbildungscurricula sind sowohl Anteile in der Grund- und Regelversorgung als auch in der spezialisierten Versorgung notwendig. Um dies sicherzustellen, sind regionale Aus- und Weiterbildungsverbünde mit gesteuerten Rotationen zwischen den Verbundteilnehmern erforderlich. Gleichzeitig ist es wichtig, dem Fachkräftemangel durch eine strukturierte und attraktive Ausbildung der benötigten Fachkräfte entgegenzuwirken.
Wie bereitet sich das Universitätsklinikum Ulm auf die mit der Reform verbundenen Veränderungen vor?
Dr. Simon Mayer: Das Universitätsklinikum Ulm begleitet den Reformprozess aktiv. Mit kontinuierlichen Analysen sind wir jederzeit über die Auswirkungen der gesetzgeberischen Eckpunkte auf das Universitätsklinikum und auch die anderen Leistungserbringer in der Region informiert. Diese Informationen nutzt der Vorstand für notwendige strategische Entscheidungen, wie z. B. die bedarfsgerechte Re-Allokation zentraler Ressourcen wie OP-Kapazitäten. Gleichzeitig begleiten wir die aktuellen und bevorstehenden Veränderungen durch eine aktive Kommunikation innerhalb des Klinikums. In den letzten zehn Monaten haben wir fast 40 Informationsveranstaltungen und Vorträge zum KHVVG organisiert, um die Mitarbeitenden einzubinden und auf die kommenden Veränderungen vorzubereiten. Durch dieses strategische Vorgehen ist das Universitätsklinikum Ulm gut auf die Veränderungen durch das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz vorbereitet und kann auch weiterhin zuverlässige Spitzenmedizin, Forschung und Lehre für die Stadt, Region und darüber hinaus bieten.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





