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HNU Healthcare Management Insights #42

01.10.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In der aktuellen Ausgabe spricht er mit Dr. Hannah-Sophie Braun über KI in der medizinischen Dokumentation. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Dr. Hannah-Sophie Braun ist promovierte Tierärztin, Gründerin und CEO von ReportAssistant, einer KI-gestützten Lösung für sprachbasierte Dokumentation in der Tiermedizin. Sie studierte an der Freien Universität Berlin Veterinärmedizin und promovierte in Biomedical Science. Noch während der Promotion gründete sie ihr erstes Unternehmen im Bereich Tiergesundheit. Anschließend war sie im Klinikmanagement tätig und arbeitete an operativen Themen rund um Prozesse und Qualität. Später wechselte sie als Senior Investment Manager in einen Venture-Capital-Fonds mit Schwerpunkt Digital Health und begleitete junge Unternehmen dabei, Innovationen in den Gesundheitsmarkt zu bringen. Heute arbeitet sie an praxistauglichen KI-Anwendungen für die Digitalisierung der Tiermedizin. Sie ist Mitglied der Arbeitsgruppe „Zukunft“ der Bundestierärztekammer (BTK) und publiziert regelmäßig zu Zukunftsthemen in der Tiermedizin.

Dr. Hannah-Sophie Braun

Wie verändern KI-gestützte Sprachsysteme die Dokumentation? 

Dr. Hannah-Sophie Braun: Wir werden das Tippen während der Behandlung, während man mit Patientinnen und Patienten oder Tierhalterinnen und Tierhaltern spricht, bald kaum noch sehen. Das Mitschreiben wird weitgehend automatisiert: Ich spreche frei, das System erstellt parallel einen strukturierten Entwurf, den ich prüfe, ergänze und freigebe. Dasselbe gilt für das Schreiben von Arztbriefen und (Rück-) Überweisungen: auch hier wird sich durch den Einsatz von KI die Bearbeitungszeit dramatisch reduzieren. Wenn die Dokumentation nebenbei passiert, bedeutet das aber nicht nur weniger zeitlichen Aufwand, sondern wird auch zu mehr und damit besserer Dokumentation führen.

Ein weiterer Effekt: Automatisierte, gut strukturierte Einträge lassen sich weiterverwenden. Aus einer einzigen, während des Termins mitlaufenden Dokumentation können verschiedene Berichte generiert werden – der Eintrag in die Patientenakte, eine Rücküberweisung und parallel eine laienverständliche Zusammenfassung für Patientinnen und Patienten bzw. Tierhalterinnen und Tierhalter. Es eröffnen sich also ganz neue Möglichkeiten für die Kommunikation – stellen Sie sich vor, man bekäme nach jedem Arztbesuch sofort eine schriftliche Zusammenfassung des Besuchs, mit einer kurzen Übersicht der besprochenen Themen – das wird die Art und Weise, wie ein Arztbesuch wahrgenommen wird, grundlegend verändern.

In welchen Bereichen liegt das größte Potenzial?

Dr. Hannah-Sophie Braun: Es gibt mehrere Bereiche mit viel Potenzial. Zunächst die Behandlungsdokumentationen in all ihren Varianten: Sprechstunde in Praxis und Klinik, Visite sowie Haus- und Betriebs- bzw. Stallbesuche. Hier entsteht der Dokumentationsentwurf künftig während des Gesprächs: Das System formt die Inhalte in einen strukturierten, fachlich gegliederten Befund (z. B. im SOAP-Format) und spielt ihn direkt in die Akte; meine Aufgabe als Ärztin ist die inhaltliche Prüfung, Priorisierung und Freigabe – nicht mehr das parallele Mitschreiben.

Ein weiterer Bereich sind Arztbriefe und fachärztliche Befunde (etwa Rücküberweisungen). Viele Kolleginnen und Kollegen investieren dafür einen spürbaren Anteil ihrer Arbeitszeit – teils bis zu 20 %, wenn sehr ausführlich gearbeitet wird oder in spezialisierten Sprechstunden. Das gilt genauso für Labormedizinerinnen und -mediziner sowie Pathologinnen und Pathologen. Auch dort entstehen lange, standardisierbare Berichte, bislang oft per Diktat oder sogar per Hand. KI-basierte Dokumentation kann hier zu signifikanter Zeitersparnis führen. 

In der Summe bedeutet das eine deutliche Effizienzsteigerung: In angespannten Personalsituationen entfällt für eingebundenes Fachpersonal ein großer Teil der Schreib- und Nacharbeit; Zeit wird frei für Aufgaben mit unmittelbarem Versorgungsnutzen. 

Können diese Systeme zur Burnout-Reduktion beitragen?

Dr. Hannah-Sophie Braun: Ja, definitiv. Studien zeigen, dass die Dokumentationslast – also alles rund um die Patientenakte und administrative Prozesse – in hohem Maße zur Stressbelastung im klinischen Alltag beiträgt. Das liegt auch daran, dass ein Teil der Schreibarbeit oft außerhalb der regulären Arbeitszeiten stattfindet: Nach einem langen Tag setzt man sich oft noch „kurz“ an den Rechner, um nachzutragen, was im laufenden Betrieb liegen geblieben ist. Wenn die Dokumentation weitestgehend automatisiert wird und der Entwurf unmittelbar im Anschluss an den Termin vorliegt, verschiebt sich meine Aufgabe als Ärztin auf Qualitätskontrolle und Freigabe. Das spart Zeit, aber senkt vor allem auch den Mental Load offener To-dos. In den USA, wo KI-Tools schon stärker eingesetzt werden, zeigen die Erfahrungen: Ist die Einführung gut gemacht, werden diese Lösungen genau aus diesem Grund gerne genutzt. Kaum jemand ist aus Freude am Schreiben oder wegen der administrativen Aufgaben in die Medizin gegangen – im Gegenteil, die meisten Kolleginnen und Kollegen wünschen sich wieder mehr Zeit am Patienten und weniger Zeit am Computer. Indem die Dokumentation nebenbei entsteht, reduziert sich auch die kognitive Last – und damit ein großer Stressfaktor im klinischen Alltag.

Welche Herausforderungen sehen Sie bei Datenschutz, Akzeptanz und Anbindung?

Dr. Hannah-Sophie Braun: Datenschutz ist eine ernsthafte, aber lösbare Aufgabe. Zentrale Bausteine der Pipeline – insbesondere Sprachverarbeitung und Modellbetrieb – lassen sich heute vollständig in Europa betreiben und DSGVO konform abbilden, sodass die meisten Bedenken ausgeräumt werden können.

Die größeren Hürden liegen erfahrungsgemäß bei Integration und Anbindung. Viele KIS-/PVS-Systeme sind historisch gewachsen und bieten nur eingeschränkte Schnittstellen. Mittelfristig müssen KI-gestützte Dokumentationslösungen direkt in die Patientenakte schreiben können, denn niemand möchte dauerhaft mit mehreren Log-Ins und unterschiedlichen Systemen arbeiten. Diese Herausforderung betrifft allerdings fast alle innovativen Digitalprodukte im Gesundheitswesen: ohne direkte Anbindung an die Patientenakte ist die großflächige Einführung schwierig. Solange KIS- und PVS-Systeme nur begrenzt Schnittstellen bieten, bleiben neue Lösungen Insellösungen.

Die größte Herausforderung für KI-Systeme in der Dokumentation ist aus meiner Sicht das Change Management. Die grundsätzliche Akzeptanz ist da – der Nutzen springt den meisten im medizinischen Alltag unmittelbar ins Auge. Die Schwierigkeit liegt darin, gewachsene Routinen zu ersetzen, die nicht immer logisch, aber in sich stabil sind. Das kostet Zeit und eine gute Organisation– und Zeit ist im Klinik- und Praxisbetrieb die knappste Ressource. Realistisch betrachtet wird die breite Einführung deshalb ein mehrjähriger Prozess werden.

Wie entwickeln sich diese Technologien in den nächsten fünf Jahren?

Dr. Hannah-Sophie Braun: Zunächst wird die Qualität sichtbar steigen. Die Transkription wird robuster gegenüber Akzenten, Nebengeräuschen und Fachterminologie; Sprachmodelle verstehen Kontext besser und „wissen“ zuverlässiger, was gemeint ist. Dadurch wird es weniger Korrekturbedarf geben. Dazu kommen weitere Fortschritte: automatisierte Abrechnung wird ein Meilenstein, der noch mal zu einer großen Zeit-und Stressreduktion führen wird. 

Zweitens entwickeln sich die Lösungen vom Tool zum sprachgesteuerten Agenten. Statt nur mitzuschreiben, reagieren sie auf Spracheingaben wie: „Zeig mir den letzten Laborbefund und markiere Veränderungen seit der Voruntersuchung.“ Solche Interaktionen funktionieren à la „Hey Siri“, in vielen Situationen wird man den Computer kaum noch anfassen; das System erledigt vorbereitende Schritte, fragt bei Unklarheiten nach und schlägt sinnvolle Bausteine vor.

Drittens werden strukturierte Daten zur Normalität. Wenn Befunde, Parameter und Maßnahmen nicht mehr in PDFs „verschwinden“, sondern strukturiert vorliegen, können Teams ihre eigenen Daten befragen: „Wie haben wir die letzten fünf Fälle chronischer Enteropathien behandelt, mit welchen Dosierungen, und wie waren die Verläufe?“ Das stärkt Qualitätsmanagement und evidenzbasierte Entscheidungen im Alltag.

Letztendlich wird KI in 5 Jahren in vielen Bereichen stark unterstützen. Dennoch bin ich mir relativ sicher, dass auch in 5 Jahren noch gelten wird: Befunde freigeben, Diagnosen stellen und über Therapien entscheiden – das bleibt ärztliche Aufgabe. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.