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HNU Healthcare Management Insights #43

14.10.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In dieser Ausgabe spricht der HNU-Professor mit Dr. Christian Weiß über Versorgungsformen in der Pflege. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Dr. Christian Weiß ist Geschäftsführer und langfristiger Familiennachfolger bei der familiengeführten Sozialteam-Gruppe. Er hat langjährige Erfahrung in der Sozialpsychiatrie sowie der Pflege. Dr. Weiß hat an der Hochschule Neu-Ulm Betriebswirt mit Schwerpunkt Gesundheitsmanagement studiert und bei Prof. Dr. Heinz Rothgang an der Universität Bremen zu Vergütung von Pflegeeinrichtungen promoviert. Vor seiner Zeit bei Sozialteam war er u.a. als Verbandsreferent auf Landesebene in Bayern aktiv.

Dr. Christian Weiß

Welche innovativen Versorgungsformen in der Pflege gibt es?

Dr. Christian Weiß: Wenn wir von innovativen Versorgungsformen in der Pflege sprechen, meinen wir Angebote, die über die klassischen Strukturen – also das Pflegeheim oder die ambulante Pflege im eigenen Zuhause – hinausgehen. Dazu zählen beispielsweise Tagespflegeeinrichtungen oder neue Wohnformen, bekannt unter betreutes Wohnen oder Servicewohnen. Ebenso gibt es Konzepte wie die Senioren-Wohngemeinschaften, die Demenz- oder Pflege-WG. Für all diese Modelle existieren unterschiedliche Bezeichnungen. Sie haben jedoch eine Sache gemeinsam: In einem seniorengerechten Wohnsetting werden Pflege-, Betreuungs- und Hauswirtschaftsleistungen von einem ambulanten Pflegedienst erbracht und so individuelle Versorgung mit einem hohen Maß an Selbstbestimmung ermöglicht.

Wo und wie werden alternative Versorgungsformen aktuell umgesetzt?

Dr. Christian Weiß: Ich stelle fest, dass alternative Versorgungsformen tatsächlich entstehen: Es gibt neue betreute Wohnanlagen, Tagespflegen und vereinzelt auch Wohngemeinschaften. Fraglich ist, ob dies ausreicht – insbesondere in der Fläche, da auffällt, dass sich diese Entwicklungen schwerpunktmäßig auf Ballungsräume konzentrieren. Zudem entstehen diese Angebote oft sehr singulär: Hier eine Tagespflege, dort ein betreutes Wohnen oder vielleicht mal eine Wohngemeinschaft. Was dabei meist fehlt, ist die Vernetzung der verschiedenen Versorgungsformen zu einem ganzheitlichen Konzept. Genau hier setzen wir bei Sozialteam an: Mit unseren Senioren-Servicehäusern schaffen wir Orte, an denen unterschiedliche Angebote unter einem Dach sinnvoll miteinander verbunden werden und so auch eine Vielzahl an Pflegesettings abbildbar sind.

Wie können solche Angebote die Selbstbestimmung pflegebedürftiger Menschen verbessern?

Dr. Christian Weiß: Der große Vorteil alternativer Versorgungsformen liegt in ihrer Flexibilität. Im klassischen Pflegeheim sind alle Leistungen inklusive – das hat selbstredend Vorteile. Die Versorgung erfolgt zwar individuell, doch es muss immer das gesamte Paket genommen werden, da dies der gesetzliche Rahmen so vorsieht. In einem betreuten Wohnen oder einer Wohngemeinschaft mit ambulantem Dienst können Leistungen hingegen modular zusammengestellt werden. So lassen sich Angehörige gezielt einbeziehen, und es entsteht eine Versorgung, die deutlich individueller und selbstbestimmter ist.

Auch die Wohnsituation selbst spielt eine Rolle: Egal ob im Pflegeheim oder zu Hause – viele klassische Wohnformen stoßen an Grenzen. Ein Pflegeheim bietet weniger Rückzugsmöglichkeiten. In der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus wiederum ist man oftmals allein. Bei körperlichen Einschränkungen kann schon der Weg zur Bekannten, die nur 500 Meter entfernt wohnt, zum Hindernis werden. In einem betreuten Wohnen hingegen genügt oft ein kurzer Gang in den Gemeinschaftsraum, um soziale Kontakte zu pflegen. Kurz gesagt: Flexibilität, Individualität und Nähe zu anderen machen diese Wohnformen zu einem wichtigen Baustein für mehr Selbstbestimmung.

Wie sehen das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter? Können alternative Angebote auch für attraktive Arbeitsplätze sorgen?

Dr. Christian Weiß: Für uns als Arbeitgeber ist es entscheidend, bei der Entwicklung neuer Angebote nicht nur die Bedürfnisse unserer Kundinnen und Kunden im Blick zu haben, sondern auch die der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die diese Angebote mit Leben füllen. Nur wenn beide Seiten profitieren, können solche Konzepte langfristig erfolgreich sein.

Wir wissen, dass viele Pflegekräfte gezielt nach Alternativen zum klassischen System suchen. Das Pflegeheim bietet den Vorteil eines großen Teams – hat aber auch den Nachteil großer Gruppen und des Schichtdienstes. Im ambulanten Dienst hat man ungestörte Eins-zu-eins-Zeit mit den Patientinnen und Patienten, ist aber stark durch Touren und Zeitpläne getaktet. Alternative Versorgungsformen eröffnen hier neue Perspektiven und verbinden Vorteile beider Welten: Eine Wohngemeinschaft mit zwölf demenzkranken Menschen ermöglicht individuelle Arbeit in einem überschaubaren Rahmen. Eine Tagespflege bietet planbare Arbeitszeiten von Montag bis Freitag – für viele ein echter Pluspunkt. Im betreuten Wohnen lässt sich die Individualität der ambulanten Arbeit mit kurzen Wegen kombinieren: Statt ins Auto zu steigen, reicht ein Gang zur nächsten Wohnungstür.

Zudem bieten diese Strukturen mehr Flexibilität beim Personaleinsatz – etwa bei Dienstplänen oder Fachkraftquoten. Dieser Gestaltungsspielraum macht die Arbeit nicht nur für erfahrene Pflegekräfte attraktiv, sondern kann auch Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger für unsere Angebote gewinnen.

Was sind aktuell die Hemmnisse zum Entstehen solcher Angebote?

Dr. Christian Weiß: Im Wesentlichen sehe ich zwei große Hemmnisse. Das erste betrifft den gesetzlichen Rahmen: Im Leistungsrecht auf Bundesebene sind wir nach wie vor sehr strikt in Sektoren getrennt. Anstatt hier mehr Flexibilität zu ermöglichen, drohen die aktuellen Reformideen der Bundesregierung sogar mit noch mehr Komplexität. Sinnvoll wäre aus meiner Sicht, Sektorengrenzen abzuschaffen und Leistungen aus der Pflegeversicherung aus einem Topf zu gewähren – unabhängig davon, ob jemand zu Hause, in einem betreuten Wohnen, in einer Wohngemeinschaft oder in einem Pflegeheim lebt.

Das zweite Hemmnis betrifft die Versorgung in der Fläche. Alternative Wohnformen entstehen meist im Neubau, und der ist in ländlichen Regionen mit niedrigeren Mieten wirtschaftlich oft schwer darstellbar. Hier könnten gezielte Förderprogramme helfen, solche Strukturen auch außerhalb von Ballungsräumen aufzubauen. Ein grundsätzlicher Bürokratieabbau bei Baugenehmigungen und vereinfachte Förderbedingungen für nachhaltiges Bauen würden das zusätzlich unterstützen.

Was mir aber wichtig ist: Man kann natürlich immer über Hindernisse sprechen. Ich sehe es aber auch als Aufgabe von Unternehmerinnen und Unternehmern, innerhalb der bestehenden Rahmenbedingungen aktiv zu gestalten. Genau das tun wir bei Sozialteam. Und die Erfahrung zeigt: Wenn man es anpackt, die richtigen Partner findet und gute Teams aufbaut, lassen sich zukunftsorientierte Projekte erfolgreich umsetzen – und so ein Beitrag leisten, alternative Versorgungsformen auch in der Fläche zu ermöglichen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.