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HNU Healthcare Management Insights #56

26.06.2026, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In der aktuellen Ausgabe ist Julian Haselow zum Thema Krankenhaushaftpflichtversicherung zu Gast. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Julian Haselow verfügt über langjährige Führungserfahrung in der Versicherungs‑ und Gesundheitswirtschaft sowie ausgewiesene Expertise im Risikomanagement. Seit 2024 ist er Projektleiter für betriebswirtschaftliches Risikomanagement (Risk Officer) bei der Sana Kliniken AG und leitet dort zudem seit 2022 das Versicherungsmanagement. Parallel ist er als Dozent an der Deutschen Versicherungsakademie tätig. Zuvor übernahm er leitende Funktionen bei der Versicherungskammer Bayern und der Debeka. Seine akademische Ausbildung umfasst zwei Masterabschlüsse in Wirtschaftsrecht und Management mit Schwerpunkt Risikomanagement.

Julian Haselow

Die Krankenhaushaftpflichtversicherung steht seit längerem unter Druck: steigende Schadenhöhen, Marktkonsolidierung und spürbar höhere Prämien. Welche Konsequenzen ergeben sich daraus aus Ihrer Sicht für die strategische Planung einer Klinikkette?

Julian Haselow: Aus meiner Sicht haben die Marktentwicklungen der vergangenen Jahre deutlich gezeigt, dass wir den Blick für alternative Versicherungsmodelle öffnen müssen und bereit sein sollten, Themen auch einmal außerhalb etablierter Vorgehensweisen zu prüfen. Für Sana bot sich vor einiger Zeit die Chance, aus einem klassischen Occurance-Versicherungskonzept hin zu einer Claims-Made-Variante zu wechseln, was modellbedingt zu Liquiditätsvorteilen führt. Nach meiner Einschätzung ist dabei langfristige Planungssicherheit durch möglichst lange Vertragslaufzeiten und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Versicherer auf Augenhöhe entscheidend. Als Sana-Konzern setzen wir auf die langjährige Unterstützung durch unseren Versicherungsmakler, der uns im Rahmen dieser Planung begleitet und mögliche Lösungsszenarien aufzeigt. Unser Ziel ist neben dem Einkauf eines umfassenden Versicherungsschutzes auch die konsequente Nutzung ökonomischer Vorteile. 

Die Schadenquoten in der Haftpflicht steigen seit Jahren kontinuierlich an. Welche Rolle spielt für Sie ein vorausschauendes internes Risikoreporting, um potenzielle Haftungsfälle frühzeitig zu erkennen, zu bewerten und gezielt zu steuern?

Julian Haselow: Bei Sana setzen wir aufgrund der gewählten Claims-made-Variante auf ein kombiniertes System aus der Meldung regulärer Anspruchsstellungen und der Aufnahme sogenannter Umstandsmeldungen, also der proaktiven Detektion potentieller Haftungsfälle auf Basis verschiedener Fallgruppen. Zur Ermittlung möglicher Umstandsmeldungen haben wir in enger Zusammenarbeit mit dem Qualitäts- und klinischen Risikomanagement Fallgruppen definiert, nach welchen mögliche schadenbehaftete Sachverhalte detektiert, analysiert und gegebenenfalls an den Versicherer weitergeleitet werden und zwar ohne dass dafür bereits eine konkrete Anspruchsstellung eines Patienten oder seines Vertreters vorliegt. Dies können meiner Erfahrung nach beispielsweise kritische Fallkonstellationen sein, die aus Abrechnungsdaten generiert werden. Auch das Auftreten sogenannter sicherheitsrelevanter Events nach der Never-Event-Liste, also etwa Patienten- oder Medikamentenverwechslung, würden Anhaltspunkte für die Notwendigkeit einer Umstandsmeldung liefern. Diese Fälle werden, neben der Meldung im Rahmen einer Umstandsmeldung, durch das Qualitäts- und klinische Risikomanagement analysiert verbunden mit dem Ziel, einerseits die Patientensicherheit zu erhöhen und andererseits Haftungsrisiken zu vermeiden sowie die Schadenkosten langfristig zu senken. 

Für Versicherer ist die interne Risikokultur von zentraler Bedeutung. Welche konkreten Maßnahmen können Kliniken in den Bereichen Patientensicherheit, Qualitätsmanagement und Prozessstandardisierung ergreifen, um ihre Versicherbarkeit nachweislich zu stärken und Vertragskonditionen zu optimieren?

Julian Haselow: Nach meiner Überzeugung hat die Verbesserung der Patientensicherheit unbestritten Einfluss auf die langfristige Versicherbarkeit von Haftungsrisiken im Krankenhauswesen. Neben strukturellen Daten zur jeweiligen Klinik selbst spielen aus meiner Sicht auch die Umsetzung von Maßnahmen und sich daraus ergebende Ableitungen für die Versicherbarkeit eine entscheidende Rolle. So ist es nach meiner Einschätzung von erheblicher Bedeutung, dass eine Klinik sich mit den aufgetretenen Schadenfällen strukturiert im Rahmen bekannter Instrumente des Qualitäts- und klinischen Risikomanagements auseinandersetzt, diese analysiert und ggf. Maßnahmen zur langfristigen Verbesserung bestehender Systeme ableitet. Morbiditäts- und Mortalitätskonferenzen, Fallanalysen, die Auswertung von Sturzstatistiken sind dabei nur einige von vielen möglichen Instrumenten, die Auswirkungen auf die gesellschaftsbezogene Schadenlast und somit auch auf die Versicherbarkeit von Haftungsrisiken haben können. Neben der Nutzung im Rahmen eines strukturierten Versicherungsmanagements dienen diese jedoch in erster Linie auch und insbesondere der Patientensicherheit. 

Angesichts steigender Prämien setzen einige Kliniken auf höhere Selbstbehalte und Self-Insured-Retention-Modelle (SIR). Welche Chancen und Risiken sehen Sie in solchen Eigentragungsmodellen und unter welchen Voraussetzungen sind sie für Klinikketten sinnvoll?

Julian Haselow: Eigentragungsmodelle bieten Klinikketten Chancen zur Reduzierung der Gesamtrisikokosten und schaffen unmittelbare Liquiditätsvorteile, was insbesondere in Zeiten angespannter und von Unsicherheiten geprägter Krankenhausfinanzierung einen wichtigen Aspekt darstellt. Bei SIR-Lösungen übernimmt das Krankenhaus auch innerhalb einer definierten Grenze selbst oder durch einen damit beauftragten Dienstleister die Schadenbearbeitung. Dies ermöglicht zusätzliche Prämienersparnisse und Entscheidungsspielräume. Ähnlich verhält sich dies auch bei Selbstbehalten gleich welcher Höhe, wobei hier die Schadenbearbeitung weiterhin, auch innerhalb des Selbstbehalts, durch den Versicherer erfolgt. Beide Modelle, insbesondere im Falle von höheren Selbstbehalten, setzen jedoch voraus, dass eine belastbare finanzielle Tragfähigkeit besteht. Auch sind im Falle einer bestehenden Gemeinnützigkeit steuerliche Aspekte zu berücksichtigen und die Einhaltung der Anforderungen an die Pflichtversicherung der Ärzte und die Notwendigkeit eines professionellen Rückstellungsgutachtens zu prüfen. Sowohl im Falle eines SIR und eines Selbstbehalts, als auch in Kombination mit einem Claims-Made-Modell sollte die Organisation aus meiner Sicht strukturell in der Lage sein, die sich mit einem solchen Versicherungsmodell verbundenen Potentiale zur Verbesserung der Patientensicherheit zu nutzen. Es ist also meiner Meinung nach von Bedeutung, nicht ausschließlich nur die mit einem solchen Modell verbundene Kostenreduzierung zu betrachten, sondern einen derartigen Wechsel aus ökonomischen, strukturellen und Aspekten der Patientensicherheit ganzheitlich zu prüfen und zu leben. All dies setzt ein enges und abgestimmtes Zusammenspiel zwischen Krankenhaus, beauftragtem Versicherungsmakler und Versicherer im Vertrags- als auch im Schadenmanagement voraus. 

Ein professionelles Schadenmanagement kann nicht nur Kosten reduzieren, sondern auch zur Prävention künftiger Haftungsfälle beitragen. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht ein strukturiertes Schadenmanagement, und wie sollte die Zusammenarbeit zwischen Klinik, Versicherer und Rechtsanwälten idealerweise gestaltet sein. 

Julian Haselow: Ein professionelles Schadenmanagement geht weit über die reine Schadenabwicklung hinaus. Es ist vielmehr ein zentrales Lerninstrument zur Risikovermeidung. Jeder Haftungsfall, ob bereits in Anspruch gestellt oder nur vermutet, sollte systematisch analysiert werden. Dabei sind meines Erachtens folgende Fragen von Bedeutung: Was war die Grundursache? Welche Prozesse haben versagt? Gibt es strukturelle Auffälligkeiten oder Häufungsmuster? Die daraus gewonnenen Erkenntnisse müssen direkt ins Qualitäts- und klinische Risikomanagement zurückfließen und zu messbaren Präventionsmaßnahmen führen. Die Zusammenarbeit zwischen Klinik, Versicherer und spezialisierten Medizinrechtsanwälten erfordert klare Kommunikationswege, definierte Eskalationsstufen und insbesondere gemeinsame Fallbesprechungen bei komplexen Schadenfällen. Die Praxis hat auch gezeigt, dass eine frühzeitige, empathische Kommunikation mit betroffenen Patienten von enormer Bedeutung sein kann. Durch einen transparenten Dialog und eine schnelle Anerkennung berechtigter Ansprüche lassen sich langwierige Rechtsstreitigkeiten vermeiden. Dies führt aus meiner Sicht langfristig zu einer Reduzierung von Schadenkosten und vermindert zudem mögliche Reputationsschäden. 

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.