HNU Healthcare Management Insights #39

12.08.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In der aktuellen Folge ist Prof. Dr. Marc Baenkler mit dem Thema Digitalisierung in der medizinischen Rehabilitation zu Gast. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Prof. Dr. Marc Baenkler ist promovierter Mediziner mit einem Masterabschluss in Business Health Administration an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zudem ist er Professor für Krankenhausmanagement an der Medical School Hamburg. Zuletzt war Prof. Dr. Baenkler Geschäftsführer der Convivo-Gruppe mit Sitz in Bremen. Davor war er über zehn Jahre in verschiedenen Positionen bei Helios tätig; u.a. als Regionalgeschäftsführer Nord. Seit September 2022 ist er CEO Deutschland der MEDIAN Group, einem der führenden europäischen Anbieter auf dem Gebiet der medizinischen Rehabilitation, psychische Gesundheit und Soziotherapie, und damit verantwortlich für die mehr als 120 Kliniken der Unternehmensgruppe in Deutschland.

Prof. Dr. Mark Baenkler

Welche digitalen Technologien haben sich in der Reha etabliert und bewährt?

Prof. Dr. Marc Baenkler: In der medizinischen Rehabilitation haben sich insbesondere digitale Dokumentations- und Steuerungssysteme, telemedizinische Anwendungen sowie digitale Therapieangebote erfolgreich etabliert. Digitale Reha-Planungssysteme ermöglichen heute eine effizientere, sektorenübergreifende Versorgung und Transparenz über den gesamten Therapieverlauf. Mit den Daten aus der elektronischen Patientenakte könnten künftig noch besser individualisierte Therapiepfade erstellt werden.

Tele-Rehabilitation – etwa in Form von hochindividualisierten Nachsorgeprogrammen wie unserer Eigenentwicklung MyMEDIAN@Home – hat sich insbesondere in der Anschlussheilbehandlung als wirksames Instrument erwiesen. Auch Virtual-Reality-basierte Therapiesysteme, digitale Trainingsgeräte mit Echtzeit-Biofeedback oder KI-gestützte Assessments werden zunehmend integriert und zeigen positive Effekte in Bezug auf die Motivation der Patientinnen und Patienten sowie den Therapieerfolg.

Wie kann Digitalisierung zu einer stärkeren Individualisierung der Reha-Maßnahmen beitragen und damit den Therapieerfolg erhöhen?

Prof. Dr. Marc Baenkler: Digitale Anwendungen ermöglichen eine deutlich präzisere und individuellere Rehabilitationssteuerung. Durch digitale Erhebungen, kontinuierliches Monitoring und KI-gestützte Analysen können Therapiepläne stärker an die tatsächlichen Bedürfnisse, Fortschritte und Ressourcen der Patientinnen und Patienten angepasst werden.

Personalisierte Übungs-Apps, digitale Tagebücher oder Feedback-Systeme fördern die Eigenverantwortung der Rehabilitanden und machen andererseits Therapieerfolge messbar – sowohl für die Patientinnen und Patienten selbst, für die ihre sichtbaren Fortschritte als Motivations-Booster wirken, um an der Therapie dranzubleiben, als auch anonymisiert für unsere Klinik-Teams, um die Therapiepfade kontinuierlich zu optimieren. 

Eine digitale Nachsorge wie in unserer App MyMEDIAN@Home, setzt im Nachgang an eine stationäre Rehabilitation in einer Klinik an. Die App setzt auf eine digital gestützte Nachsorge mit vielen interaktiven Übungen und Wissensinhalten – stets eng begleitet durch die Therapeutinnen und Therapeuten unseres Digitalen Nachsorgezentrums in Düsseldorf. Dank der in diesem Jahr erteilten Zulassung der Deutschen Rentenversicherung (DRV) für die Integration unserer Nachsorge-App in die Regelversorgung können erstmals alle somatischen Patientinnen und Patienten der DRV die MyMEDIAN@Home-App für die Nachsorge nutzen – unabhängig davon, ob sie bei einem anderen Träger die stationäre Reha absolviert haben. 
Wir beobachten, dass durch den Kontakt zu erfahrenen Therapie-Teams in der digitalen Nachsorge Rückfallrisiken reduziert und Therapieerfolge verstetigt werden können. Insgesamt wird die Reha damit nicht nur individueller, sondern auch nachhaltiger.

Wo sehen Sie die größten Hürden bei der Digitalisierung in der Rehabilitation?

Prof. Dr. Marc Baenkler: Die größte Herausforderung liegt aus meiner Sicht derzeit in der strukturellen und regulatorischen Fragmentierung. Der Reha-Sektor ist im Vergleich zur Akutmedizin deutlich weniger in digitale Versorgungs- und Finanzierungsarchitekturen eingebunden. Einheitliche Schnittstellen, interoperable Systeme und tragfähige Finanzierungsmodelle fehlen häufig – insbesondere für digitale Nachsorge oder Hybridmodelle. 

Zudem besteht ein erhöhter Schulungsbedarf bei Fachkräften und ein hoher initialer Investitionsaufwand in IT-Infrastruktur. Nicht zuletzt erfordert Digitalisierung einen kulturellen Wandel: Digitale Prozesse müssen als Chance verstanden und nicht als Belastung erlebt werden. Hier sind gezielte Change-Management-Strategien gefragt.

Es braucht ganz grundsätzlich die stärkere Anerkennung der essenziellen Rolle von Rehabilitation als dritte tragende Säule im deutschen Gesundheitssystem durch die Politik. 

Wie verändert sich die Rolle von Therapeutinnen und Therapeuten in einer zunehmend digitalen Reha-Welt?

Prof. Dr. Marc Baenkler: Die Rolle von Therapeutinnen und Therapeuten wandelt sich von der klassischen „Übungsanleitung“ hin zu digital-geschulten Lotsen, Coaches und datenbasierten Entscheidungsbegleiterinnen und -begleitern. Digitale Tools ersetzen dabei keinesfalls den menschlichen Kontakt – im Gegenteil: Sie schaffen neue Räume für Empathie, Motivation und gezielte Intervention.

Die therapeutische Kompetenz wird ergänzt durch digitale Fähigkeiten: Dateninterpretation, Fernbetreuung, Umgang mit digitalen Therapieformen und Plattformen werden zunehmend Teil des professionellen Selbstverständnisses. Entscheidend ist, dass Digitalisierung als Erweiterung therapeutischer Wirksamkeit verstanden wird – nicht als Ersatz zur menschlichen Betreuung.

Wie können Rehakliniken mit Start-ups oder Hochschulen sinnvoll kooperieren, um digitale Lösungen zielgerichtet zu entwickeln und zu implementieren?

Prof. Dr. Marc Baenkler: Start-ups und Hochschulen sind wichtige Innovationspartner für Reha-Kliniken – insbesondere, wenn es um zukunftsorientierte und zugleich anwendungsnahe und nutzerzentrierte Lösungen geht. Erfolgreiche Kooperationen entstehen dann, wenn die klinisch-therapeutische Praxis systematisch in Entwicklungsprozesse einbezogen wird – etwa durch gemeinsame Pilotprojekte, Testfelder oder Reallabore.

Um unsere internen Pilotprojekte und externen Kooperationen zu bündeln, haben wir im vergangenen Jahr das MEDIAN Group Lab ins Leben gerufen, das all unseren Forschungs- und Innovationsvorhaben in Deutschland, UK und Spanien ein übergeordnetes Dach gibt. 
Wir setzen auf langfristige Innovationspartnerschaften, die Forschung, Produktentwicklung und Implementierung verbinden. Hochschulen bringen wissenschaftliche Exzellenz und methodische Tiefe ein, Start-ups Agilität und Technologiekompetenz – die Klinik liefert das Versorgungs-Know-how und sichert die Anwendbarkeit durch die Patientinnen und Patienten. Dieses Dreieck birgt großes Potenzial für eine moderne, digitale Reha.

MEDIAN setzte beispielsweise ein großangelegtes Pilotprojekt an, um den Einsatz von VR in der Therapie von Phobien oder Abhängigkeitserkrankungen in der Rehabilitation umfassend zu untersuchen – nach dem erfolgreichen Piloten ist die VR-Therapie heute über viele unserer Kliniken hinweg ausgerollt und die Patientinnen und Patienten profitieren nachweislich davon. 
Ein weiteres Projekt ist eine interne Studie zur Untersuchung, ob Biomarker in der menschlichen Stimme dazu beitragen können, Therapeutinnen und Therapeuten bei der Diagnostik von Depressionen als objektive Parameter zu unterstützen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.