HNU Healthcare Management Insights #49

15.01.2026, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In seinem neuesten  Interview spricht er mit Prof. Dr. Alfred Angerer über den Digital Health Report aus der Schweiz und das dortige Gesundheitswesen. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Prof. Dr. oec. Alfred Angerer ist Wirtschaftsingenieur und hat Berufserfahrungen bei den Firmen Nestlé und McKinsey gesammelt. Seit 2009 ist er Dozent an der ZHAW-School of Management and Law. Dort ist er Co-Leiter der Fachstelle Management im Gesundheitswesen und Co-Direktor des ZHAW Digital Health Labs. Herr Angerer ist Ersteller zahlreicher internationaler Publikationen, Bücher, Key-Notes sowie des Podcasts „Marktplatz Gesundheitswesen“ (www.gesundheitswesen.org).

Prof. Dr. Alfred Angerer

Welche Ergebnisse des aktuellen Digital Health Reports haben Sie persönlich am meisten überrascht – und warum?

Prof. Dr. Alfred Angerer: Was mich persönlich am meisten überrascht hat, ist weniger ein einzelnes Ergebnis als vielmehr die Diskrepanz zwischen Marktattraktivität, Akzeptanz und tatsächlicher Umsetzung. Was viele Menschen im Ausland überrascht, ist, wie weit die Schweiz hinterher hängt in Sachen digitale Gesundheit.  Die Schweiz ist, gemessen am Umsatz pro Kopf, der attraktivste Digital-Health-Markt im DACH-Raum. Gleichzeitig zeigen unsere Reifegradanalysen, dass zentrale Akteure wie Arztpraxen und Apotheken digital noch ganz am Anfang stehen. Diese Kombination aus wirtschaftlicher Stärke und operativer Digitalisierungs­schwäche ist bemerkenswert.

Überraschend positiv war hingegen die konstant hohe Grundakzeptanz in der Bevölkerung und bei Fachpersonen. Viele Digital-Health-Anwendungen werden nicht nur akzeptiert, sondern als echte Begeisterungsmerkmale wahrgenommen. Das widerspricht der oft dominierenden öffentlichen Erzählung, wonach Datenschutzbedenken oder Technologie­skepsis die Hauptbremsen seien. Der Report zeigt vielmehr: Das Wollen der Bevölkerung ist da, das Dürfen der Gesetzgebung verbessert sich, aber beim Können der Umsetzung hapert es noch.

Wo ist aus Ihrer Sicht die größte digitale Lücke im Schweizer Gesundheitswesen – und was wäre die schnellste Stellschraube, um sie zu schließen?

Prof. Dr. Alfred Angerer: Die größte digitale Lücke liegt aus meiner Sicht nicht bei einzelnen Technologien, sondern bei der Vernetzung. Wir haben viele Insellösungen, engagierte Start-ups und Pilotprojekte sowie digitale Leuchttürme – aber zu wenig systematische Integration. Besonders deutlich wird das beim elektronischen Patientendossier EPD (das Äquivalent zur ePA in Deutschland). Das Instrument ist politisch gewollt, technisch vorhanden, aber im Versorgungsalltag praktisch null verankert.

Die schnellste Stellschraube wäre deshalb eine konsequente Standardisierung und Interoperabilität. Ohne einheitliche Schnittstellen, klare nationale Grunddienste und verbindliche Standards bleibt jede Digitalisierungsinitiative Stückwerk. Programme wie DigiSanté gehen hier in die richtige Richtung. Auch die neueste Entscheidung des Parlaments für den Nachfolger des gescheiterten EPDs ist stark zu begrüßen. Entscheidend wird aber sein, ob es gelingt, diese Grundlagen rasch in den Alltag der kleineren Leistungserbringer zu bringen. Dort, wo der größte Hebel für Effizienz und Qualität liegt.

Wie beeinflusst das digitale Mindset der Bevölkerung die Geschwindigkeit der Transformation im Gesundheitssektor? Unterschätzen wir diesen Faktor?

Prof. Dr. Alfred Angerer: Ja, diesen Faktor unterschätzen wir deutlich. Der Report zeigt sehr klar, dass Vertrauen ein zentraler Beschleuniger der digitalen Transformation ist. Ärztinnen und Ärzte, Apothekerinnen und Apotheker und andere Gesundheitsfachpersonen genießen in Datenschutzfragen ein außerordentlich hohes Vertrauen. Das ist ein immaterielles Kapital, um das uns viele Länder beneiden.

Gleichzeitig sehen wir, dass digitale Lösungen dann besonders gut angenommen werden, wenn sie konkreten Nutzen im Alltag stiften, so bspw. Zeitersparnis, bessere Koordination oder mehr Transparenz. Das digitale Mindset der Bevölkerung ist also weniger technologiegetrieben als nutzenorientiert. Wer Digitalisierung als Selbstzweck kommuniziert, verliert. Wer sie als Unterstützung für eine menschlichere Versorgung positioniert, gewinnt. In diesem Sinne ist das Mindset der Bevölkerung kein limitierender Faktor, sondern eher ein unterschätzter Enabler. Was wir brauchen, sind Profi-Marketing Leute, die emotional den Nutzen eines digitalen Gesundheitswesens kommunizieren. 

Wenn wir in fünf Jahren erneut auf den Digital Health Report blicken: Woran würden Sie festmachen, ob das Schweizer Gesundheitswesen seine digitalen Hausaufgaben gemacht hat?

Prof. Dr. Alfred Angerer: Ich würde das an drei Punkten festmachen. Erstens: Das Schöne ist, dass wir genau für diese Frage unseren Reifegrad-Messystem entwickelt haben. Wir müssen nur in fünf Jahren die Messung neu machen und werden dann sehen, ob der Wert des digitalen Reifegrads sich verbessert hat. Wenn unsere Nachzügler Arztpraxen und Apotheken es über die 5- Punkte-Grenze unserer 10er-Skala geschafft haben, wäre das ein sehr erfreuliches Ergebnis. 

Zweitens: Ist digitale Vernetzung im Alltag angekommen? Nicht in Form einzelner Projekte, sondern als selbstverständlicher Teil von Behandlungs- und Versorgungsprozessen. Beispielsweise, wenn ich bei meiner Hausärztin bin und frage, ob meine Daten schon ins EPD hochgeladen wurden, wird sie dann sagen: „Selbstverständlich, ist schon passiert“?

Und drittens: Spüren Mitarbeitende eine echte Entlastung? Der Report zeigt klar, dass KI-gestützte Assistenzsysteme vor allem im administrativen Bereich großes Potenzial haben. Wenn diese Technologien breit eingesetzt werden und mehr Zeit für Patientinnen und Patienten schaffen, dann haben wir unsere digitalen Hausaufgaben tatsächlich gemacht.

Was kann Deutschland aus den Ergebnissen des Digital Health Reports lernen – und umgekehrt?

Prof. Dr. Alfred Angerer: Deutschland kann aus Schweizer Sicht vor allem lernen, wie wichtig Vertrauen, föderale Kooperation und marktwirtschaftliche Anreize sind. Die Schweiz zeigt, dass hohe Akzeptanz und Innovationskraft auch ohne extrem zentralistische Steuerung möglich sind (sofern die Rahmenbedingungen stimmen).

Umgekehrt kann die Schweiz von Deutschland lernen, Digitalisierung konsequenter zu skalieren. Deutschland ist oft schneller darin, nationale Lösungen verbindlich einzuführen – auch wenn diese nicht perfekt sind. Die Schweiz neigt dazu, sehr lange zu diskutieren und zu pilotieren. Ein etwas mutigerer Umgang mit „good enough“-Lösungen könnte helfen, schneller Wirkung zu erzielen.

Wenn ich alles zusammenfassen darf: Der Digital Health Report 2025/2026 zeigt kein Krisenbild, sondern ein System im Übergang. Ja, wir sind sehr langsam in der Schweiz, jedoch sind die Voraussetzungen besser, als viele glauben: Markt, Akzeptanz und regulatorische Bewegung sprechen für Digitalisierung. Entscheidend wird nun sein, ob es gelingt, aus vielen guten Einzelinitiativen ein vernetztes, lernendes Gesamtsystem zu machen. Die Zeit dafür ist reif.

Den Digital Health Report kann hier kostenlos heruntergeladen werden: https://www.mwv-berlin.de/meldung/!/id/593

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.