Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Jan Baumann ist Arzt und Betriebswirt mit Fokus auf digitale Transformation, Arbeit interprofessioneller Teams und KI im Gesundheitswesen. Nach Stationen in der Anästhesie und Intensivmedizin, im Klinik-Management als Projektleiter einer zentralen Notaufnahme und für die Einführung des Physician Assistant an einer Uniklinik sammelte er Consulting-Erfahrung in einer großen IT-Beratung. Aktuell befindet er sich in der Weiterbildung in Allgemeinmedizin und gründet die SHAPE Consulting UG, wo er mit einem Team zu Innovation und Künstlicher Intelligenz im Gesundheitswesen berät.

Welche Berufsgruppen gewinnen derzeit in der ambulanten Versorgung in Deutschland an Bedeutung?
Jan Baumann: Unser Gesundheitssystem befindet sich aktuell an vielen Stellen unter Druck, sei es technisch, demographisch oder finanziell. Auch die ambulante Versorgung ist dadurch derzeitig und zukünftig einem tiefgreifenden Wandel unterworfen. Neben klassischen Berufsgruppen wie Medizinischen Fachangestellten sehen wir ganz deutlich den Aufstieg „neuer Berufsgruppen“ und eine Entwicklung hin zu interprofessionellen Teams.
Qualifizierte Versorgungsassistentinnen und -assistenten wie VERAHs (Versorgungsassistentin/-assistent in der Hausarztpraxis) oder NÄPAs (nicht ärztliche Praxis-Assistenz) sind schon jetzt nicht mehr aus den Praxen wegzudenken. Sie können in einem gut definierten Rahmen einige delegierbare ärztliche Aufgaben übernehmen oder kümmern sich um die Begleitung ausgewählter Patientengruppen und ermöglichen somit eine flexiblere Organisation der Praxisabläufe.
Besonders interessant sind z.B. auch Qualifikationen wie die zum/zur "digi Manager", wie sie von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe seit einigen Jahren angeboten wird. In der Praxis unterstützen diese die Ärztinnen und Ärzte aktiv bei der Planung, Umsetzung und Integration digitaler Prozesse – von der elektronischen Patientenakte (ePA) und TI-Anwendungen über Videosprechstunden bis hin zu KI-gestützten Tools. Ziel ist es, die medizinischen Fachkräfte organisatorisch und technisch zu entlasten und so eine Brücke zwischen Patient:innen, Praxisalltag und Technik zu schlagen.
Daneben gewinnen natürlich auch Physician Assistants (PAs) immer mehr an Bedeutung. Diese können die Ärztinnen und Teams beim Praxis-Management und der Behandlung ebenfalls gut unterstützen. Im stationären Bereich sehe ich Zukunftschancen für das Berufsbild Case-Manager:in, die digital unterstützt zu Lots:innen für die Patient:innen werden und sie gezielt durch den deutschen Versorgungsdschungel navigieren.
Woran liegt das? Warum gewinnen diese Berufsgruppen gerade jetzt so sehr an Bedeutung?
Jan Baumann: Das hat mehrere Gründe. Einerseits wird die Komplexität organisatorischer und administrativer Aufgaben in Praxen immer größer – auch die IT-Landschaft verändert sich rasant. Am Beispiel der digi Managerin sieht man, dass erfolgreiche digitale Transformation ohne entsprechendes Fachpersonal kaum zu schaffen ist. Diese neue Rolle ist eine Antwort auf die wachsenden Anforderungen: Sie übernimmt aktive Verantwortung für die Gestaltung digitaler Prozesse, sorgt für Schulungen im Team und hält das Wissen über gesetzliche Entwicklungen wie bei der TI und ePA auf dem neuesten Stand.
Aber auch der kontinuierliche Fachkräftemangel spielt eine große Rolle. Praxisinhaberinnen und -inhaber müssen verstärkt auf Mitarbeitendenbindung setzen, weil die Rekrutierung neuer Fachkräfte inzwischen oftmals zur Herausforderung wird. Mitarbeiter:innen, die sich in neue, sinnstiftende Rollen weiterentwickeln können, identifizieren sich stärker mit der Praxis – das schafft Stabilität und ein attraktives Arbeitsumfeld.
Wie sieht das im internationalen Vergleich aus? Haben Sie Beispiele aus dem Ausland?
Jan Baumann: Ja, dieser Trend ist kein deutsches Phänomen. In den anglo-amerikanischen Ländern und den Niederlanden arbeiten Berufe wie Physician Assistants schon seit Jahren erfolgreich u.a. im ambulanten Sektor. Sie agieren dort als gleichberechtigte Mitglieder in den hausärztlichen Teams. In England gibt es mit den Advanced Nurse Practitioners hochspezialisierte Fachkräfte, die in enger Abstimmung mit den ärztlichen Kolleg:innen bestimmte Erkrankungen und Patientengruppen recht eigenständig betreuen. Dort sind die Teams oft deutlich interdisziplinärer aufgestellt, und die hier noch neuen Rollen werden dort schon länger durch Kompetenzprofile und enge Supervision sehr erfolgreich in die Patientenversorgung integriert.
Wie genau verändert sich dadurch die interprofessionelle Zusammenarbeit im Team?
Jan Baumann: Damit solche Teams wirklich gut funktionieren, braucht es klare Kompetenzprofile für jede Rolle. Transparenz über Aufgaben, vorhandene Qualifikationen und Schnittstellen ist entscheidend – alle müssen wissen, wer wofür verantwortlich ist und welche Tätigkeiten von wem übernommen werden können.
Eine offene und interprofessionelle Kommunikation steht dann an oberster Stelle. Das bedeutet für uns Ärztinnen und Ärzte dann z.B. auch, Führungsskills im Team zu entwickeln – gerade für junge Ärztinnen und Ärzte eine zentrale Herausforderung, denn so etwas lernt man aktuell nicht im Studium. Wie werden wir auch zu Teamplayern, Moderator:innen und Prozessmanager:innen. Letztlich profitieren alle, wenn die Zusammenarbeit im Team auf Augenhöhe abläuft und kontinuierlich reflektiert wird.
Welche Auswirkungen haben die neuen Berufsgruppen auf den Zugang zum Gesundheitssystem und die Patientenzufriedenheit?
Jan Baumann: Der Beitrag zum besseren Zugang zur Versorgung ist erheblich. Gerade VERAHs, NÄPAs und PAs ermöglichen es in ländlichen Regionen, dass Hausbesuche weiterhin durchgeführt werden können, auch wenn die Arztzeit und Arztdichte dort knapp sind. Sie können dafür sorgen, dass Patient:innen unter Einsatz von Telemedizin sicher und kontinuierlicher betreut werden, als es sonst der Fall wäre.
Wichtig ist aber auch zu erwähnen, dass die Akzeptanz bei Patient:innen von einer guten Aufklärung über die jeweiligen Rollen abhängt. PAs können beispielsweise Gespräche mit Patientinnen und Patienten vorbereiten, in Erstkontakten allgemeine Fragen klären und die spezifischen medizinischen Fragen gezielt an die ärztlichen Kolleginnen und Kollegen weitergeben. Dafür ist ein klar strukturierter Ablauf entscheidend. Diese Anforderungen lassen sich dann auch z.B. auf KI-gestützte Unterstützung übertragen. Auch hier sollte transparent erklärt werden, wie diese abläuft und wie Entscheidungen entstanden sind.
Wie gelingt es, neue Berufsgruppen in Gesundheitseinrichtungen sinnvoll zu integrieren, ohne die Strukturen zu überfordern?
Jan Baumann: Das funktioniert am besten Schritt für Schritt – mit einer gezielten und iterativen Implementierungsstrategie.
Zunächst sollte eine Gesundheitseinrichtung sorgfältig erheben, an welchen Stellen in den aktuellen Strukturen tatsächlich neue Rollen oder Tools gebraucht werden und was hiermit erreicht werden soll. Bestehende und gut funktionierende Strukturen benötigen meist keine komplett neuen Rollen. Manchmal kann es auch schon helfen, die bestehenden Rollen zu konkretisieren oder um einige Kompetenzen zu erweitern.
Es empfiehlt sich, hierzu mit den Teams ins Gespräch zu treten und dort zu beginnen, wo sich die Teams offen für Wandel zeigen und Handlungsbedarf besteht. Hier kann man dann gezielt engagierte Mitarbeitende unterstützen und sie für neue Aufgaben qualifizieren. Diese Kolleginnen und Kollegen kennen das Team und die Abläufe bereits und können im Verlauf als Multiplikatorinnen und Multiplikatoren wirken. So entstehen erfolgreiche Pilotprojekte, die helfen, Erfahrungen zu sammeln, mögliche Probleme frühzeitig zu erkennen und Verbesserungen einzuleiten. Dann spricht sich schnell rum, wie hilfreich und gut die neuen Berufsbilder sind. Die gewonnenen Erkenntnisse können dann nach und nach auf weitere Abteilungen übertragen werden.
Ein weiterer Erfolgsfaktor sind gut gestaltete Einarbeitungspläne und transparente Tätigkeitsbeschreibungen, die allen Mitarbeitenden Klarheit über die Aufgabenverteilung und Verantwortlichkeiten bieten. Ganz wichtig bleibt, dass die Teams kontinuierlich am Ball bleiben, sich gegenseitig und regelmäßig Feedback geben und so die Zusammenarbeit laufend weiterentwickeln. So kann es uns gelingen, das Gesundheitswesen vor Ort mit innovativen Ansätzen zu verbessern.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





