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HNU Healthcare Management Insights #31

14.04.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal zu Gast: Christine Carius, die Einblicke in das Thema Mini Clinics gibt.

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Christine Carius ist seit 2006 im Bereich e-Health und Telemedizin tätig und verfügt über umfassende Expertise in der Konzeption, Umsetzung und Evaluierung telemedizinischer Versorgungsprogramme. Als Projektmanagerin und Projektleiterin verantwortete sie zahlreiche Forschungsprojekte – von der Akquise bis zum erfolgreichen Abschluss – in den Bereichen Telemedizin, e-Health, Ambient Assisted Living (AAL) und Sicherheit an Telemedizinzentren der Charité – Universitätsmedizin Berlin sowie des HDZ NRW. Seit 2020 ist sie Co-Geschäftsführerin der telmedicon GmbH, einer spezialisierten B2B-Beratungsgesellschaft für Telemedizin. Die telmedicon GmbH berät vor allem Kunden aus dem DACH-Raum, ist aber auch europaweit tätig. Ihre Beratungsschwerpunkte liegen in der Geschäftsmodellentwicklung, Marktzugangsstrategien sowie im Versorgungsmanagement. Darüber hinaus ist sie als Dozentin für Telemedizin an der AKAD Hochschule tätig und forscht an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel zu Innovation und Krisenmanagement

Christine Carius

Was versteht man unter sogenannten „Mini Clinics“, „Minute Clinics“ oder „Walk-in Clinics“?

Christine Carius: Mini Clinics, auch als Minute Clinics oder Walk-in Clinics bekannt, sind niedrigschwellige medizinische Versorgungsangebote, die sich durch schnelle und unkomplizierte Behandlungen auszeichnen. Sie befinden sich meist an zentralen Standorten wie Apotheken und bieten eine flexible Alternative zur klassischen hausärztlichen Versorgung sowie zur reinen Videosprechstunde, die Patientinnen und Patienten von zuhause aus nutzen können.

In vielen Fällen ist kein Termin erforderlich – Patientinnen und Patienten können spontan vorbeikommen, um sich bei akuten Beschwerden oder für präventive Maßnahmen beraten und gegebenenfalls behandeln zu lassen. Die Versorgung erfolgt in der Regel durch speziell qualifizierte Gesundheitsfachkräfte wie Pflegefachpersonen oder Physician Assistants, oft in Kombination mit telemedizinischer Unterstützung durch Ärztinnen und Ärzte. Hierbei spielt Telemedizin eine Schlüsselrolle, da ärztliches Fachwissen bedarfsgerecht in den Behandlungsprozess integriert werden kann, ohne dass Ärztinnen und Ärzte vor Ort anwesend sein müssen.

Ein verwandtes Konzept sind sogenannte Gesundheitsboxen. Diese fest installierten Anlaufstellen bieten einen einfachen, sicheren Zugang zu telemedizinischer Beratung, Diagnostik und Therapie. Sie sind mit moderner Diagnostik, Service- und KI-Technologie sowie medizinischen Materialien ausgestattet. Obwohl sie ohne Personal vor Ort auskommen, bieten sie mehr als eine herkömmliche Videosprechstunde, da Patientinnen und Patienten vor Ort verschiedene diagnostische Geräte eigenständig nutzen können.

Mini Clinics und Gesundheitsboxen werden international erfolgreich eingesetzt. In Frankreich sollen bis 2028 rund 300 Telemedizinboxen entstehen, insbesondere in Regionen mit geringer Hausarztdichte. Auch in der Schweiz sind Mini Clinics in Apotheken verbreitet: Dort übernehmen Fachkräfte eine erste Beratung und binden bei Bedarf Ärztinnen und Ärzten telemedizinisch ein. Verschreibungen können direkt vor Ort eingelöst werden, was den Zugang zur Gesundheitsversorgung erleichtert, da lange Wartezeiten oder Anmeldeverfahren entfallen.

Ein weiteres Beispiel für die enge Verzahnung telemedizinischer und stationärer Angebote ist die Möglichkeit, eine Videosprechstunde zu Hause zu beginnen und ergänzende Diagnostik, etwa eine Blutdruckmessung, in einer Apotheke oder Mini Clinic durchführen zu lassen. Gerade in unterversorgten Regionen kann diese hybride Versorgung eine wertvolle Ergänzung sein.

Welche Vorteile bieten Mini Clinics im Vergleich zu traditionellen Arztpraxen und Krankenhäusern, insbesondere in Bezug auf Zugänglichkeit und Kosten, aber auch bei der Versorgung von chronisch Kranken oder im Rahmen der Prävention?

Christine Carius: Mini Clinics verbessern die medizinische Versorgung insbesondere in Regionen mit geringer Ärztedichte und im ländlichen Raum, wo der Weg zur nächsten Arztpraxis weit sein kann. Sie bieten Menschen mit eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung eine niedrigschwellige Alternative.

Je nach Konzept unterscheiden sich die Einsatzmöglichkeiten: Wenn eine medizinische Fachkraft vor Ort erforderlich ist, sind die Öffnungszeiten in der Regel begrenzt. Gesundheitsboxen ohne Personal hingegen ermöglichen eine telemedizinische Beratung rund um die Uhr. Während Diagnostik und Beratung auch in diesen Boxen möglich sind, können bestimmte Leistungen – wie Impfungen – ausschließlich in Mini Clinics mit medizinischem Personal durchgeführt werden. Beide Modelle tragen dazu bei, Notaufnahmen und Arztpraxen zu entlasten, indem sie Routineuntersuchungen, Impfungen und die Behandlung leichter Erkrankungen übernehmen.

Auch wirtschaftlich sind Mini Clinics vorteilhaft. Sie sind im Vergleich zu Notaufnahmen oder Facharztbesuchen oft kostengünstiger, da sie ein klar definiertes Leistungsspektrum abdecken und durch standardisierte Ausstattung sowie zentrale Beschaffung Skalierungseffekte nutzen. Zudem ermöglichen optimierte Abläufe eine effiziente Versorgung, insbesondere bei Routineuntersuchungen, Medikationschecks oder der Behandlung leichter Erkrankungen. Für chronisch kranke Menschen können sie eine sinnvolle Ergänzung sein, da regelmäßige Kontrolluntersuchungen niedrigschwellig und ressourcenschonend angeboten werden können.

Im Bereich der Prävention gewinnen Mini Clinics zunehmend an Bedeutung. Sie erleichtern den Zugang zu Gesundheitschecks und Screening-Programmen. Durch den Einsatz von Telemedizin können regelmäßige Konsultationen mit Fachärztinnen und -ärzten erfolgen, wodurch eine kontinuierliche Betreuung sichergestellt und unnötige Wege für Patientinnen und Patienten vermieden werden.

Auch Unternehmen profitieren von Mini Clinics – sowohl in der Arbeitsmedizin als auch im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM). Gesundheitsboxen an Unternehmensstandorten können die arbeitsmedizinische Versorgung unterstützen, indem sie schnelle telemedizinische Beratungen und diagnostische Basisuntersuchungen ermöglichen. Dadurch lassen sich Wartezeiten in Arztpraxen vermeiden und gesundheitliche Anliegen frühzeitig klären.

Im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) bieten Mini Clinics zudem niedrigschwellige Präventionsangebote, etwa Impfprogramme oder Gesundheitschecks, direkt am Arbeitsplatz. Dies erleichtert den Zugang zu präventiven Maßnahmen und kann langfristig zur Reduktion krankheitsbedingter Fehlzeiten beitragen. Auch auf einem Universitätscampus mit vielen Studierenden können Mini Clinics eine sinnvolle Ergänzung der Gesundheitsversorgung sein.

Welche Rolle spielen Gesundheitsfachberufe beim Betrieb der Mini Clinics?

Christine Carius: Gesundheitsfachkräfte wie Pflegefachpersonen, Physician Assistants oder medizinische Fachangestellte übernehmen eine zentrale Rolle im Betrieb von Mini Clinics. Sie erheben anamnestische Informationen, führen Basisdiagnostik durch und setzen standardisierte Behandlungen um. In komplexeren oder unklaren Fällen ziehen sie telemedizinisch Ärztinnen und Ärzte hinzu.  

Welche digitalen und technologischen Lösungen sind entscheidend für den erfolgreichen Betrieb und die Weiterentwicklung von Mini Clinics?

Christine Carius: Digitale und technologische Lösungen sind essenziell für die Effizienz und Skalierbarkeit von Mini Clinics. Telemedizinische Angebote wie Videosprechstunden oder Chats erweitern das Leistungsspektrum erheblich, indem sie eine direkte ärztliche Beratung ermöglichen.

Ein weiteres Schlüsselelement sind digitale Patientenakten und KI-gestützte Systeme. Die algorithmische Analyse medizinischer Daten und automatisierte Entscheidungsunterstützung können Diagnosen schneller stellen und Behandlungsstrategien optimieren, was zu einer effizienteren Patientenversorgung und besseren Therapieergebnissen führt.

Für Mini Clinics und Gesundheitsboxen sind moderne Diagnostiklösungen wie Point-of-Care-Tests unerlässlich. Kompakte, patientenfreundliche Geräte ermöglichen schnelle Laboruntersuchungen vor Ort. Zusätzlich helfen automatisierte Prozesse wie digitale Check-ins, Online-Terminvergaben und KI-gestützte Symptomchecker dabei, den Patientenfluss zu optimieren und Wartezeiten zu minimieren.

Wie lassen sich Mini Clinics sinnvoll in die Versorgungslandschaft integrieren? Welche Kooperationen sind ggf. erforderlich?

Christine Carius: Eine enge Anbindung von Mini Clinics an Hausärztinnen/-ärzte, Fachärztinnen/-ärzte und Krankenhäuser ist essenziell, um eine lückenlose Patientenversorgung sicherzustellen. Ihre erfolgreiche Integration ins Gesundheitssystem hängt maßgeblich von der Vernetzung mit bestehenden Versorgungsstrukturen ab.

Mini Clinics werden häufig in Apotheken, Pflegeeinrichtungen oder kommunalen Gesundheitszentren eingerichtet, da sie hier Synergien schaffen und den direkten Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtern. Auch stark frequentierte Orte wie Einkaufszentren oder Bahnhöfe bieten Potenzial für eine niedrigschwellige medizinische Versorgung.

Wichtig ist, dass Mini Clinics und Gesundheitsboxen nicht isoliert agieren, sondern als integrierter Bestandteil eines flächendeckenden Versorgungskonzepts gesehen werden. Nur so können sie ihr volles Potenzial entfalten und eine qualitativ hochwertige, patientenzentrierte Medizin gewährleisten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.