Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Klaus H. Kober ist ein erfahrener Managementberater in der Gesundheitswirtschaft. Seit 2000 arbeitet er als unabhängiger Managementberater und hat sich auf die gesamte Bandbreite der Dienstleister in der Gesundheitsbranche spezialisiert. Seine Erfahrung erstreckt sich insbesondere auf die Pharma- und Medizintechnikindustrie, und er hat eine besondere Leidenschaft für kleine und mittelständische Unternehmen sowie Familienbetriebe. Klaus H. Kober war 17 Jahre Arbeitgebervertreter im Verwaltungsrat der Techniker Krankenkasse; in dieser Funktion leitete er den Finanzausschuss. 2024 wurde er zum Stiftungsrat der gemeinnützigen Stiftung DOCS TOGETHER.net berufen.

Deutschland befindet sich bei Standortentscheidungen internationaler Unternehmen in einem intensiven Wettbewerb. Bei welchen Standortfaktoren hat Deutschland eine gute Position im Wettbewerb, wo liegen Defizite?
Klaus H. Kober: Die internationale Wettbewerbsfähigkeit von Deutschland als Wirtschaftsstandort weist insgesamt Stärken als auch Schwächen auf.
Stärken des Standorts Deutschland sind:
- Infrastruktur: Deutschland verfügt über eine gut ausgebaute Verkehrsinfrastruktur, ein leistungsfähiges Schienennetz, Autobahnen sowie moderne Flughäfen, was die logistische Erreichbarkeit erleichtert. Man darf aber nicht verkennen, dass weite Teile der öffentlichen Infrastruktur marode sind und dringend saniert werden müssen!
- Hochqualifizierte Arbeitskräfte: Das duale Ausbildungssystem und renommierte Universitäten sorgen für eine gut ausgebildete und spezialisierte Erwerbsbevölkerung.
- Rechts- und Planungssicherheit: Deutschland bietet ein stabiles politisches und wirtschaftliches Umfeld sowie einen starken Rechtsstaat, was für Investoren ein wichtiger Faktor ist.
- Forschung und Innovation: Deutschland ist führend in der technologischen Entwicklung, insbesondere in der Automobilindustrie, Maschinenbau und erneuerbaren Energien.
- Gesundheitswesen: Eine flächendeckende Gesundheitsversorgung und hohe medizinische Standards tragen zur Lebensqualität und Standortattraktivität bei.
Defizite:
- Extreme bürokratische Hürden: Unternehmen sehen sich oft mit langen und umständlichen Genehmigungsverfahren sowie komplexen regulatorischen Anforderungen konfrontiert. Dies wird häufig durch europäische Regelungen und Normen zusätzlich verstärkt. Die digitale Transformation wird in vielen Fällen durch übertriebene Datenschutzvorschriften ausgebremst. Die nicht vorhandenen Möglichkeiten des schnellen Informationsaustauschs von Sicherheitsbehörden untereinander oder – im Bereich der medizinischen Versorgung – die Kommunikation via Fax sind Beleg hierfür.
- Steuer- und Energiekosten: Deutschland hat im internationalen Vergleich mit die höchsten Unternehmenssteuern und Energiekosten, was Investitionen hemmen kann.
- Fachkräftemangel: Besonders im MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) und in der Pflege gibt es Engpässe.
- Digitale Infrastruktur: Trotz Fortschritten besteht sowohl in Großstädten als auch in ländlichen Regionen weiterhin ein Defizit bei Breitbandversorgung und Mobilfunknetz. Die Chancen, die KI bietet, werden durch bürokratische Hürden und übertriebenen Datenschutz ausgebremst.
- Wohn- und Lebenshaltungskosten: Hohe Mieten in Ballungsräumen und steigende Lebenshaltungskosten können die Attraktivität für Fachkräfte mindern. Für die Unternehmen sind die steigenden Lohnnebenkosten ebenfalls eine Herausforderdung, wenn es darum geht, international konkurrenzfähig zu bleiben.
Welche Rolle spielt das Thema Gesundheitsversorgung als Standortfaktor?
Klaus H. Kober: Die Qualität des Gesundheitssystems bzw. der Gesundheitsversorgung ist ein entscheidender Faktor für die Standortwahl von Unternehmen – international wie national. Sie beeinflusst die Lebensqualität der Arbeitnehmenden und trägt zur Attraktivität eines Standorts für Fachkräfte und Investoren bei.
- Arbeitnehmergesundheit und Produktivität: Eine hochwertige medizinische Versorgung reduziert krankheitsbedingte Ausfälle und steigert die Produktivität. Eine besondere Bedeutung kommt dabei der Resilienz der Mitarbeitenden zu. Insbesondere psychosomatische Erkrankungen, aber auch Erkrankungen des Bewegungsapparats nehmen seit Jahren überproportional zu.
- Attraktivität für Fachkräfte: Hochqualifizierte Arbeitnehmende bevorzugen Standorte mit Zugang zu guter medizinischer Versorgung ohne lange Wartezeiten, für sich und ihre Familien. ´
- Sicherheit und Wohlbefinden: Eine leistungsfähige Gesundheitsversorgung erhöht das subjektive Sicherheitsgefühl und die Standortbindung.
- Internationale Wettbewerbsfähigkeit: Unternehmen vergleichen bei Investitionsentscheidungen Gesundheitsstandards, insbesondere für hochqualifizierte ausländische Fachkräfte.
Können Unternehmen beim Wettbewerb um Fachkräfte bestehen, wenn vor Ort weder Krankenhaus noch Arzt oder Apotheke vorhanden sind?
Klaus H. Kober: Fehlende medizinische Infrastruktur kann erhebliche Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen im Fachkräftemarkt haben.
- Attraktivitätsverlust des Standorts: In Regionen ohne Krankenhaus, Arzt oder Apotheke fällt es Unternehmen schwerer, Fachkräfte zu gewinnen und zu halten. Attraktive Angebote der Gesundheitsversorgung sind als Standortfaktoren gleichberechtigt neben Faktoren wir Verkehrsinfrastruktur, Steuersätze, Glasfaserverfügbarkeit, Bildung und Kultur uvm. zu sehen.
- Eingeschränkte Lebensqualität: Arbeitnehmende bevorzugen Standorte, die eine schnelle medizinische Versorgung gewährleisten, insbesondere für Familien mit Kindern und ältere Menschen. Nicht zu vergessen ist auch ein ausreichend verfügbares Angebot an ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen. In vielen Fällen müssen diesbezügliche Angebotsdefizite durch die aktiven Arbeitnehmenden aufgefangen werden, z. B., um ein pflegebedürftiges Familienmitglied zu pflegen. Letztendlich geht dies wiederum zu Lasten des Arbeitgebers, da ie Arbeitnehmenden in solchen Fällen bis zu zehn Tag zu Hause bleiben können.
- Folgewirkungen für den Arbeitsmarkt: Eine defizitäre regionale Gesundheitsversorgung kann dazu führen, dass weniger Arbeitskräfte in ländliche Gebiete ziehen oder dortbleiben. Insbesondere in Unternehmen mit überwiegendem Dienstleistungsangebot müsste dies nicht zwingend sein.
Welche Anreize seitens der Politik wären nötig, um eine Ansiedlung von Gesundheitsdienstleistern in der Fläche zu gewährleisten?
Klaus H. Kober: Das neue Entbudgetierungsgesetz vom Februar 2025 für Hausärzte ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, um den Beruf attraktiver zu gestalten. Hinzukommen sollte die Abschaffung der Bedarfsplanung durch die KV. Um die Ansiedlung von Gesundheitsdienstleistern in unterversorgten Regionen zu fördern, sind gezielte politische Maßnahmen erforderlich. Hier sehe ich folgende Möglichkeiten:
- Finanzielle Anreize: Subventionen, steuerliche Erleichterungen oder Gründungszuschüsse für Ärzte und Apotheken in ländlichen Gebieten. Kommunen können beispielsweise gezielt mit Hilfe eines „Bürgerbeteiligungsfonds“ in die medizinische Infrastruktur ihrer Stadt oder Gemeinde investieren.
- Telemedizinische Lösungen: Ausbau der Versorgung mit Glasfaser zur Förderung digitaler Gesundheitsangebote, um medizinische Versorgung auch ohne physische Präsenz sicherzustellen. Dies ermöglicht auch die „Smarte Arztpraxis“. Mit Hilfe digitaler Lösungen und den Möglichkeiten der KI kann der Arzt wertvolle Freiräume gewinnen, um sich intensiver mit seinen Patientinnen und Patienten zu beschäftigen. Dies gilt auch für andere Professionen wie den Pflegeberufen und den anderen Berufen der Gesundheitsversorgung. KI muss als Chance und nicht als Bedrohung empfunden werden.
- Infrastrukturausbau: Im OECD-Vergleich liegen wir auf Platz 36 von 38 bzgl. der Versorgung mit schnellem Internet. Dies ist aber die Grundvoraussetzung für die Anbindung an medizinische Zentren
- Regionale Versorgungsmodelle: Kooperation zwischen Ärzten, Kliniken und Pflegeeinrichtungen zur Sicherstellung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung.
- Anreizsysteme für angehende Mediziner: Einsatz von Medizinstudentinnen und -studenten nach dem Studium für eine bestimmte Zeit in ländlichen Regionen.
Was können Unternehmen tun, um die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum zu verbessern?
Klaus H. Kober: Unternehmen können aktiv dazu beitragen, die medizinische Versorgung für ihre Arbeitnehmenden und deren Familien sicherzustellen.
- Betriebliche Gesundheitsversorgung: Einrichtung von Werksärzten, Betriebsapotheken oder Kooperationen mit mobilen Gesundheitsdiensten. Hier sollte eine enge Kooperation mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten an einem Standort gelebt werden.
- Telemedizinische Unterstützung: Bereitstellung von digitalen Gesundheitsangeboten für Mitarbeitende, um den Zugang zu medizinischer Beratung zu erleichtern.
- Kooperation mit regionalen Akteuren: Zusammenarbeit mit Gemeinden, um medizinische Angebote wie Gemeinschaftspraxen oder Gesundheitszentren zu fördern.
- Förderung medizinischer Fachkräfte: Unterstützung von Ausbildungsprogrammen für medizinisches Personal und Stipendien für Medizinstudenten mit Bindung an ländliche Regionen.
- Mitarbeiteranreize: Bereitstellung von Gesundheitsleistungen als Teil von Arbeitgeberleistungen, um den Standort attraktiver zu machen. In diesem Zusammenhang erlebt die betriebliche Unterstützungskasse eine Renaissance. Ursprünglich gegründet, um kranke Mitarbeitende finanziell zu unterstützen, geriet sie nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit, da das System aus GKV und PKV einen ausreichenden Schutz bot. Neben hohen steuerlichen Vorteilen bietet die Unterstützungskasse als „social benefit“ die Möglichkeit, für Mitarbeitende besondere Gesundheitsleistungen abzusichern, die von den Krankenkassen nicht angeboten werden können. Dies gilt ganz besonders für den Zugang zu Verfahren im Bereich der Alternativ- und/oder Komplementärmedizin.
Durch eine Kombination aus politischen Maßnahmen und unternehmerischen Initiativen kann die Gesundheitsversorgung gerade in ländlichen Regionen nachhaltig verbessert werden, was langfristig die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärkt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





