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HNU Healthcare Management Insights #44

23.10.2025, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. In der aktuellen Ausgabe ist Prof. Dr. Volker Nürnberg mit dem Thema KI im Betrieblichen Gesundheitsmanagement zu Gast. 

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Seit fast 25 Jahren beschäftigt sich Prof. Dr. Volker Nürnberg mit allen Facetten des Gesundheitswesens. Zunächst setzte er ab 2001 Konzepte bei den gesetzlichen Krankenkassen um (als Geschäftsführer bei der AOK und bis 2011 bei der BKK), bevor er im Jahr 2012 als Prokurist bei der internationalen Beratung Mercer die Leitung des Bereichs Health Management übernahm. Von 2017 bis 2022 und war er Partner bei einer der größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften, BDO. Als Gutachter für digitale Innovationen im G-BA  ist er immer am Puls der Zeit. Seit dem 1.9.2022 ist er Partner bei der international sehr renommierten Strategieberatung BearingPoint und leitet den Gesundheitsbereich, seit dem 1.5. ist er in der Ethikkommission beim Bundesgesundheitsministerium.

Prof. Dr. Volker Nürnberg

Anwendungen der im Bereich der Künstlichen Intelligenz bieten branchen- und funktionsübergreifend enorme Potenziale. Welche Rolle spielt das Thema Künstliche Intelligenz derzeit im Betrieblichen Gesundheitsmanagement?

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Aktuell spielt der Einsatz von KI-Anwendungen im Betrieblichen Gesundheitsmanagement noch eine untergeordnete Rolle. Einige wenige digitale Dienstleister im Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements setzen Künstliche Intelligenz ein – das Thema steckt aber noch in den Kinderschuhen. Es gilt auch noch diverse rechtliche und ethische Rahmenbedingungen zu klären, bevor es zu einem flächendeckenden Einsatz kommen kann. Im Ausland ist man hier teilweise schon viel weiter. Tendenziell scheinen mittelgroße und große Unternehmen etwas experimentierfreudiger zu sein.

Wie verändert Künstliche Intelligenz aktuell das Betriebliche Gesundheitsmanagement – wo sehen Sie die größten Potenziale für die nächsten fünf Jahre

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Für mich steht außer Frage, dass Künstliche Intelligenz das Betriebliche Gesundheitsmanagement dramatisch verändern wird – sie wird es deutlich besser machen. Zum einen kann, z.B. nach einem Assessment, die Künstliche Intelligenz den Mitarbeitenden individuelle und präzise Angebote bieten. Es gibt folglich weniger Streuverlust und passgenaue Präventionsangebote. Dies betrifft die Verhaltensprävention. Bei den Verhältnissen bekommt der Arbeitgeber neue Instrumente an die Hand, um Daten genauer und nahezu in Echtzeit zu bewerten. Gleichzeit können mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Prognosen, z.B. für den Krankenstand, erstellt werden. Dies hilft bei der Personal- und Butgetplanung. Außerdem können auf Basis dieser Zahlen Interventionen besser auf Zielgruppen abgestimmt werden. D.h. es können auffällige Bereiche (z.B. Abteilungen), Mitarbeitergruppen (z.B. Jüngere, Frauen etc.) und Standorte oder Tätigkeitsprofile (z.B. Schichtarbeitende) identifiziert werden, die dann zielgruppengerecht adressiert werden. Dies dürfte auch dazu beitragen, den Return in Invest von Maßnahmen im Bereich des Betrieblichen Gesundheitsmanagements und somit die Effizienz zu verbessern. Es lassen sich auch viel leichter grundsätzliche Gefahrenquellen in einem Unternehmen identifizieren. In zahlreichen Unternehmen arbeiten Menschen, die einen unterschiedlichen sprachlichen Hintergrund haben. Hier ist besonders wichtig, relevante Gesundheitsinformationen allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen, ggf. auch in ihrer Muttersprache. Hier können KI-gestützte Übersetzungsprogramme eine wertvolle Unterstützung bieten.

Das Thema mentale Gesundheit ist in den letzten Jahren branchenübergreifend in den Fokus gerückt. Die psychische Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist ein zentraler Faktor für die Leistungsfähigkeit und das allgemeine Wohlbefinden. Nicht selten führen psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu Burnout, Stress, Depressionen und anderen Erkrankungen, die wiederum mit langen Ausfallzeiten verbunden sein können. Die Früherkennung ist hier von zentraler Bedeutung. Können KI-Systeme psychische Belastungen besser und früher erkennen als Führungskräfte oder die Human Resources-Abteilung? 

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Auf jeden Fall: Es gibt inzwischen erste KI-Lösungen, die mentale Probleme lösen. So gibt es z.B. einen Chatbot, der zu ausgewählten psychologischen Themen Abhilfe schafft. Darüber hinaus ist aktuell eine Avatar-Lösung mit „systemischer Ausbildung“ auf dem Markt, die einer realen menschlichen Gesprächspartnerin sehr nahekommt. Vorteile sind die unbegrenzte Verfügbarkeit und kostengünstige Beratung. Vor dem Hintergrund der Wartezeiten auf einen Termin bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten ist das Thema von besonderer Bedeutung.

Wie gelingt der Sprung von einem breiten BGM-Angebot für die gesamte Belegschaft hin zu einem individualisierten BGM? 

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Nun ja, das breite BGM-Angebot „mit der Gießkanne“ gibt es ja in zahlreichen Unternehmen schon, es wird nur von viel zu wenigen genutzt. Darüber hinaus wird es oftmals nicht von denjenigen genutzt, die am meisten profitieren könnten. Die Individualisierung erlaubt uns in diesem Zusammenhang unterschiedliche Themen, Medien und Ansätze (Nudging, d.h. kleine „Anschubser“, Incentivierung oder Gamification) einzusetzen und damit die Nutzungsquote zu erhöhen, und eine Evidenzbasierung sicherzustellen. 

Welche Risiken sehen Sie im Einsatz von KI im BGM, etwa im Hinblick auf Datenschutz oder Überwachung? 

Prof. Dr. Volker Nürnberg: Die Steuerung datenbasierter Maßnahmen und Entscheidungen durch Algorithmen bringt enorme Vorteile für die Personalplanung. Doch algorithmisches Management birgt Gefahren für die Gesundheit der Beschäftigten: Überwachung, Leistungsdruck und ständige Erreichbarkeit können Risiken sein, die sich auch negativ auf die Akzeptanz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern auswirken. Das Erheben von personenbezogenen Daten, Hackerangriffe oder mangelnde Sicherheit sind immer eine Gefahr, die sich nicht zu 100% ausschließen lässt. Gerade bei einem Thema wie Gesundheit spielt die menschliche Interaktion, auch im Unternehmenskontext, eine wesentliche Rolle. Trotz des Einsatzes von Künstlicher Intelligenz im Betrieblichen Gesundheitsmanagement sollten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter folglich weiterhin die Chance haben, sich regelmäßig persönlich mit den Betrieblichen Gesundheitsmanagerinnen und -managern im Unternehmen zu treffen – auf diesem Wege lassen sich dann, unterstützt durch Künstliche Intelligenz, auf die jeweilige Arbeitsumgebung angepasste BGM-Dienstleistungen entwickeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.