alle News

HNU Healthcare Management Insights #51

12.03.2026, Dialoge:

In der Interviewserie befragt Prof. Dr. Patrick Da-Cruz wechselnde Expertinnen und Experten zu aktuellen Themen aus dem Gesundheitsbereich. Diesmal ist Dr. Florian Brandt mit dem Thema „Investments im Gesundheitswesen“ zu Gast.

Die Gesprächspartner

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Prof. Dr. Patrick Da-Cruz

Dr. Florian Brandt verantwortet als Health Innovation Manager bei einem Krankenversicherungsunternehmen die Identifikation, Markteinführung und Bewertung neuartiger Ansätze und vielversprechender Technologien zur Verbesserung der medizinischen Versorgung. An der Schnittstelle zwischen Einrichtungen der Gesundheitsversorgung, Kostenträgern und der Industrie erhält er einen umfassenden Einblick in die zentralen Trends und Entwicklungen der Branche – ein optimaler Ausgangspunkt für seine nebenberufliche Tätigkeit als Health Care Investor. Der studierte Ökonom und promovierte Mediziner ist Autor zahlreicher gesundheitswissenschaftlicher Studien und Publikationen.

Dr. Florian Brandt

Im Vergleich zu anderen Branchen gelten Investitionen im Gesundheitswesen als krisenresistent, stehen aber unter starkem Regulierungs- und Innovationsdruck. Welche Segmente des Gesundheitswesens gelten derzeit als die attraktivsten Investmentfelder und warum?

Dr. Florian Brandt: In der Tat gilt das Gesundheitswesen im Branchenvergleich als krisenresistent. Viele Produkte, zum Beispiel Medikamente gegen chronische Erkrankungen, werden unabhängig von Konjunkturzyklen nachgefragt. Insbesondere global agierende Pharma- und Medizintechnikkonzerne verfügen zudem über diversifizierte Produktportfolios respektive mehrere Einkommensquellen, was das Risiko produktspezifischer Rückschläge relativiert. In der Gesamtschau ist die Gesundheitswirtschaft von fundamentalen, schwer veränderbaren Faktoren geprägt, was die Prognostizierbarkeit für Investoren erhöht: Alternde Bevölkerungen in Industrienationen gehen mit einer stetig wachsenden Nachfrage nach Gesundheitsleistungen einher. Die absehbar weiter zunehmende Verbreitung altersassoziierter Erkrankungen, wie Krebs oder Demenz, machen den Markt gewissermaßen berechenbar.

Der Regulierungs- und Innovationsdruck hat einen besonders starken Effekt auf Newcomer mit fokussiertem Produktportfolio. Zulassungen oder Ablehnungen neuer Medikamente durch Behörden, z. B. die U.S. Food and Drug Administration (FDA), können massive Kursbewegungen auslösen. Auch Durchbrüche bzw. Rückschläge in der Forschung und Entwicklung schlagen signifikant auf den Kurs durch – in die eine oder andere Richtung.

Für Anleger sind Unternehmen mit tiefen Burggräben attraktiv – das sind Wettbewerbsvorteile, die ein Unternehmen langfristig vor Konkurrenz schützen. Im Gesundheitswesen zählen hierzu Patente, regulatorische Hürden, die Verankerung in Behandlungsleitlinien oder hohe Wechselkosten – letztere schützen beispielsweise Anbieter kostenintensiver Geräte, die in Kliniken und Arztpraxen über viele Jahre abgeschrieben werden.

Wie unterscheiden sich klassische Healthcare-Investments, beispielsweise in Kliniken, Pflegeheime oder Ärztehäuser, von Investments in digitale Geschäftsmodelle wie Telemedizin, Health-Apps oder KI-Lösungen? Was sind die Chancen und Risiken?

Dr. Florian Brandt: Kliniken, Pflegeheime und Ärztehäuser wird es natürlich immer brauchen. In digitalen Geschäftsmodellen schlummern allerdings einige Potenziale, die für Geschäftsmodelle aus der „analogen Welt“ so nicht realisierbar sind: Im digitalen Raum sinken Nachfragebarrieren für Patienten, Automatisierungspotenziale verringern Personalintensität und Betriebskosten und die Ortsunabhängigkeit verbessert die Skalierbarkeit. Speziell mit Blick auf Telemedizin-Plattformen haben wir aus anderen Branchen bereits gelernt, dass derartige Geschäftsmodelle sehr gut funktionieren – sei es im Konsumgüterbereich mit Amazon, im Reisemarkt mit Booking.com, im gastronomischen Kontext mit Lieferando oder im Versicherungsmarkt mit Check24. Die zeitverzögert stattfindende digitale Entwicklung speziell im deutschen Gesundheitswesen, in dem das Faxgerät nach wie vor verbreitet ist, ermöglicht Investoren gewissermaßen einen Blick in die Zukunft. Ein weiterer Pluspunkt: Entwicklungsstau kann zu erheblichen Nachholinvestitionen führen, was wiederum die Aktienkurse treibt – derzeit am Beispiel der Rüstungsindustrie eindrucksvoll zu besichtigen.

Ein wesentliches Risiko: Der Aufbau einer kritischen Masse an Nutzern erfordert hohe Anfangsinvestitionen. Zudem sind die Betreiber digitaler Geschäftsmodelle im Gesundheitswesen mit strengeren Regularien konfrontiert als in anderen Branchen. Dies ist auch insofern relevant, als Markterfolg im Digitalbereich unmittelbar mit Usability zusammenhängt. Regulatorik kann einen negativen Einfluss auf die Nutzerfreundlichkeit haben, wenn sich die Ausgestaltung bestimmter Funktionen nicht nur nach den Bedürfnissen der Nutzer richtet, sondern sich auch an gesetzlichen Gestaltungsvorgaben orientieren muss – und dass praxisferne Bürokraten sich nicht immer praxisnahe Regeln ausdenken, ist vermutlich hinlänglich bekannt…

Welche Rolle spielen regulatorische Entwicklungen für die Bewertung von Anlagemöglichkeiten im Gesundheitssektor?

Dr. Florian Brandt: Eine sehr große. Zwar ist das „Geschäft mit der Gesundheit“ aufgrund der strengen Regulierung komplizierter, gleichzeitig aber auch berechenbarer als in der klassischen Konsumgüterindustrie. Die Markterschließung mit neuen Produkten und Dienstleistungen folgt klaren Pfaden: Auf gute Studienergebnisse folgt Zulassung, folgt Aufnahme in Behandlungsleitlinien, folgt zunehmende Inanspruchnahme, folgt Umsatz.

Zulassungshürden begünstigen etablierte Unternehmen mit ausreichend Ressourcen, während kleinere Newcomer sich hieran die Zähne ausbeißen können. So haben Pharmariesen wie Roche oder Novartis regulatorische Prozesse dauerhaft in ihren Betrieb integriert und sichern sich auf diese Weise Wettbewerbsvorteile. Kleinere Unternehmen benötigen oft Unterstützung spezialisierter Beratungsunternehmen oder Partnerschaften mit großen Akteuren, um derartige Hürden zu überwinden. Auch länderspezifische Preisregulierungen beeinflussen die Rentabilität von Health Care Geschäftsmodellen, indem sie die erzielbaren Margen begrenzen.

Gleichzeitig können neue gesetzliche Vorgaben, beispielsweise zur Digitalisierung von Gesundheitsdaten oder Versorgungsprozessen, den Raum für neue Geschäftsmodelle überhaupt erst schaffen. Smarte Health Care Investoren sollten immer mitdenken, inwieweit der regulatorische Rahmen in relevanten Zielmärkten wie Europa und der USA das jeweilige Geschäftsmodell befördern oder gefährden könnte.

Welche Trends haben das Potenzial, die Investmentlandschaft im Gesundheitswesen nachhaltig zu verändern?

Dr. Florian Brandt: Einer der bedeutendsten Trends ist der demografische Wandel, durch den der Anteil älterer Menschen an der Bevölkerung stetig steigt. Diese Entwicklung führt zu einer höheren Nachfrage nach medizinischer Versorgung und Präventionsprogrammen. Gleichzeitig wächst die Bedeutung von Dienstleistungen, die die Lebensqualität im Alter erhalten.

Parallel dazu verändert die Digitalisierung die Art und Weise, wie Gesundheitsdienstleistungen genutzt werden. Mobile Gesundheits-Apps, Wearables und Telemedizin verbessern den Zugang zur Versorgung, fördern die Eigenverantwortung und eröffnen neue Möglichkeiten für Diagnostik und Therapie – oft unabhängig von Ort und Zeit. Besonders durch die COVID-19-Pandemie wurde der Ausbau der digitalen Gesundheitsinfrastruktur stark beschleunigt und zunehmend akzeptierter Bestandteil des Versorgungsalltags. Eng hiermit verbunden ist die rasante Verbreitung künstlicher Intelligenz. Algorithmen können medizinische Bilder in Sekundenschnelle auswerten, Krankheitsverläufe prognostizieren und Ärzte bei der Behandlung und Dokumentation unterstützen. Gleichzeitig entstehen ethische und regulatorische Herausforderungen, etwa im Hinblick auf Datenschutz, die Zulassung von selbstlernenden und sich selbständig weiterentwickelnden Systemen sowie haftungsrechtliche Fragen.

Ein weiterer prägender Trend ist die Präzisionsmedizin, die medizinische Versorgung zunehmend auf die genetischen, biologischen und lebensstilbedingten Besonderheiten einzelner Patienten zuschneidet. Fortschritte in der Genomforschung und Datenanalyse ermöglichen individualisierte Therapien, die effektiver und oft nebenwirkungsärmer sind als konventionelle Ansätze. Diese Entwicklung verändert nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern auch deren Prävention und Früherkennung.

Wenn Sie einem vorsichtigen Investor nur drei Anlagemöglichkeiten im Gesundheitswesen empfehlen dürften: Welche wären das und nach welchen Kriterien würden Sie sie auswählen?

Dr. Florian Brandt: Einem vorsichtigen Investor würde ich zunächst immer empfehlen, nie alles auf eine Karte zu setzen – dieser Tipp gilt übrigens auch für unvorsichtige Investoren. Beim Vermögensaufbau breit zu streuen – also in Unternehmen verschiedener Branchen, Länder und Unternehmensgrößen zu investieren und vielleicht sogar weitere Assetklassen wie Edelmetalle, Anleihen oder Bitcoin beizumischen – ist die beste Absicherung dagegen, einem teuren Irrtum zu unterliegen. Dass alles auf einmal crasht, ist sehr unwahrscheinlich.

Daraus folgt, dass ein vorsichtiger Investor nicht einzig und allein im Gesundheitswesen investieren sollte. Wer aber davon überzeugt ist, dass das Gesundheitswesen langfristig ein Wachstumsmarkt bleibt – und dafür gibt es wie besprochen sehr gut Gründe – und die Portfoliogewichtung erhöhen möchte, dem würde ich folgende drei Tipps geben:

  • Healthcare-ETFs, die sich an Indizes wie dem MSCI World Health Care Index oder dem S&P Global Health Care Index orientieren, bieten eine kosteneffiziente Möglichkeit, breit gestreut in den Gesundheitssektor zu investieren. Enthalten sind die Big Player aus den Bereichen Pharmazie, Medizintechnik & Co.
  • Wer per ETF in spezielle Trends innerhalb des Gesundheitswesens investieren möchte, für den könnten Themen-ETFs wie der Global X Aging Population ETF, der iShares Healthcare Innovation ETF, der iShares Nasdaq US Biotechnology ETF oder der iShares US Medical Devices ETF etwas sein.
  • Risikofreudigere Anleger, die sich für aussichtsreiche Newcomer interessieren, sollten in mein Buch investieren: „Aktien im Gesundheitswesen – Erfolgreich an der Börse in die Medizin der Zukunft investieren“

Und ganz wichtig: Niemals blind etwas kaufen, weil irgendjemand einen „heißen Tipp“ gibt, sondern Inspiration von außen immer dem Plausibilitätscheck eigener Gedanken und Analysen unterziehen – und natürlich nicht nur in Gesundheitsaktien, sondern auch die eigene Gesundheit investieren.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.