Die Gesprächspartner
Prof. Dr. Patrick Da-Cruz ist Professor für Betriebswirtschaftslehre und Gesundheitsmanagement an der Fakultät Gesundheitsmanagement der Hochschule Neu-Ulm (HNU) sowie wissenschaftlicher Leiter des MBA-Programms Führung und Management im Gesundheitswesen.
Vor seiner Tätigkeit an der HNU war Herr Da-Cruz bei namhaften Strategieberatungen im Bereich Pharma / Healthcare sowie in Führungsfunktionen in Unternehmen der Gesundheitswirtschaft im In- und Ausland tätig.

Hanno Wolfram war mehr als 20 Jahre in der Pharmaindustrie tätig, u.a. im Vertrieb, als Personalleiter, Geschäftsführer Schweiz und Area Manager Europa. Auf Basis dieser Erfahrung gründete er die Beratungsagentur Innov8 und begleitet hier seit 25 Jahren Beratungs-, Veränderungs- und Implementierungsprojekte in zahlreichen Ländern. Er ist Buchautor, Coach und Dozent an der HNU.

Was versteht man unter dem Konzept des Primärarztes, und welches Ziel verfolgt dieses Modell im Gesundheitssystem?
Hanno Wolfram: Kern des Konzeptes „Primärarzt“ ist die bessere Steuerung der Patient-Journey. Der Kontakt zu einem Primärarzt wird Voraussetzung für GKV-versicherte Patienten, um einen Facharzt aufzusuchen. Erst der Primärarzt gibt den Zugang zum Facharzt frei und überweist Patienten auf den optimalen Versorgungspfad.
Erwartete Wirkungen sollen gezieltere Facharzttermine, schneller Zugang und damit die Steigerung der Effizienz in der ambulanten Versorgung werden. Das zunehmende Alter der Bevölkerung gilt als einer der stärksten Kostentreiber. Der Primärarzt wird steuern, Kostenbremse sein und zur Effizienzsteigerung der Versorgung beitragen.
Allerdings ist die freie Arztwahl ist für viele heute noch eine heilige Kuh des Gesundheitswesens. Das Primärarztsystem wird für Patienten zu erheblichen Einschränkungen dabei führen.
Welche Vorteile bietet ein Primärarztsystem aus Sicht der Patientinnen und Patienten – etwa in Bezug auf Versorgung, Koordination oder Qualität der Behandlung?
Hanno Wolfram: Im Gesundheitswesen wird, wie an anderen Stellen, viel über Patienten gesprochen, weniger mit ihnen. Mir sind aus Patientensicht jedenfalls keine Untersuchungen über deren Wahrnehmungen, Hoffnungen oder Befürchtungen zum Primärarztsystem bekannt. Hier im Süden gibt es aber ein Vorbild für das bundesweit angestrebte Primärarztsystem.
Bereits 2008 begründeten die AOK, der Hausärzteverband und MEDI Baden-Württemberg die Hausarztzentrierte Versorgung (HZV). Diesem Regelwerk haben sich inzwischen fast 3 Millionen Patienten verschrieben. Die Zahl lässt vermuten, dass die eingeschriebenen Patienten positiv „mit den Füßen abgestimmt“ haben.
Die medizinischen Daten und Fakten über den Erfolg sprechen eine eindeutige Sprache. Die weitaus meisten Parameter, wie unkoordinierte Facharztbesuche ohne Überweisung oder die Anzahl der Komplikationen bei Diabetikern zeigen deutlich in Richtung „Besserung.“ Auch die Zahl der Impfungen hat zugenommen. Annähernd 6.000 Ärzte nehmen an diesem Verfahren teil.
Wo sehen Sie die größten Kritikpunkte oder Risiken des Primärarztmodells, zum Beispiel hinsichtlich Wahlfreiheit, Wartezeiten oder zusätzlicher Bürokratie?
Hanno Wolfram: Wie bereits erwähnt, wird die Wahlfreiheit bei Facharztbesuchen tendenziell eingeschränkt. Dies gilt immer dann, wenn die primärärztliche Empfehlung dagegensteht. In aller Regel kann dies allerdings eher als Luxusproblem nur weniger Patienten gelten.
Nimmt man die bisherigen Ergebnisse der hausarztzentrierten Versorgung in BW als Grundlage, sollte es nur wenige Kritikpunkte an der Systematik des Primärarztmodelles geben.
Eines fällt aber auf: Die Anzahl der Hausarztkontakte steigt signifikant. Wenn man den zukünftigen Primärarzt genauso denkt wie die ersten HZV-Verträge in 2008, wird es ein noch größeres Problem bei den Wartezeiten für Hausarzttermine geben. Zumal es immer wieder Patienten gibt, die wegen Überfüllung gar keinen Hausarzt mehr finden. Der Satz: „Wir können keine neuen Patienten mehr annehmen“ klingt wenig erfreulich und heute bereits nach Überlastung oder Überbeanspruchung. Es muss also Alternativen oder komplementäre Ansätze zum persönlichen Arztkontakt geben.
Ist das Primärarztmodell Ihrer Meinung nach ein zukunftsfähiger Ansatz für das deutsche Gesundheitssystem und unter welchen Bedingungen wäre es sinnvoll?
Hanno Wolfram: So wie es derzeit ausgestattet und incentiviert ist, trägt unser Gesundheitssystem nicht mehr lange. „Weiter so“ ist deswegen keine Option. Der Status Quo zeichnet sich durch „doctor-hopping“ und ungeregeltes Mäandrieren vieler Patienten aus. Der Termindruck beim niedergelassenen Arzt steigt, angestrebte und leitlinienbasierte Behandlungspfade werden von fehlgeleiteten Patienten ad absurdum geführt. Als Ventil tragen Dr. Google et al. auch ihr Teil zu überfüllten Notaufnahmen bei.
Ein Primärarztsystem benötigt zwingend mehr Kapazität für einen Erstkontakt. Tragfähig wird der Primärarzt deswegen nur auf neuen Pfaden: Dazu müssen wir endlich mit der Umsetzung intelligenter digitaler Anwendungen beginnen. Neue Kapazitäten können damit geschaffen werden. Das allseits zuerst verwendete Stichwort dazu heißt „Künstliche Intelligenz.“ Ob die KI als Chatbot für den Erstkontakt mit der 116117 unterstützt, mit einem Klick in der ePa-App angesprochen wird oder mit einem Link im Internet: alle Wege müssen ermöglicht werden. Ein Erstkontakt muss dann nicht mehr in der Hausarztpraxis stattfinden.
In den Notaufnahmen dieses Landes zeigt sich heute bereits, dass Physician Assistants oder „care nurses“ wichtige Aufgaben übernehmen und damit die verfügbaren Arztkapazitäten deutlich ergänzt und erweitert werden. Das gilt gleichermaßen für den Schritt vor der persönlichen Involvierung eines Primärarztes wie auch für die Nachbereitung eines Arztkontaktes.
Wenn wir dann noch so simple Dinge wie eine elektronische Überweisung oder das „Jahresrezept“ für chronisch Kranke schaffen würden, wird dies zufriedenere Patienten bedeuten. Auch darf mit solchen Verfahren die Schere zwischen GKV-Einnahmen und -Kosten nicht weiter aufgehen. Was am Ende, auch für Patienten, zählt, ist eine verbesserte Versorgung und die deutlich gesteigerte Effizienz im Gesundheitswesen. Was noch fehlt, ist der politische Wille und das Beenden sektoralen Denkens. Ich hoffe, dass der politische Wille dazu stark sein wird. Der Nutzen für Beteiligte und Betroffene wird hoch sein, wenn das Thema aus einer holistischen Patientensicht gedacht und gemacht wird. Denen sind nämlich die althergebrachten Trennlinien zwischen den Sektoren egal.
Vielen Dank für das Gespräch!
Die in den Interviews dargestellten Inhalte und Aussagen spiegeln die Perspektive der Gesprächspartner wider und entsprechen nicht notwendigerweise der Position der Redaktion.





