Ob als Ergänzung oder Ersatz für persönliche Auswahlgespräche: Videointerviews, ob synchron oder asynchron, werden in der Personalauswahl immer häufiger eingesetzt. Im Vergleich zu Interviews vor Ort ist es in diesen Formaten aber kaum möglich, sowohl direkten Blickkontakt mit dem Gegenüber herzustellen als auch seine Emotionen und Reaktionen wahrzunehmen. Entscheidet man sich für letzteres, weicht der Blick in der Wahrnehmung des Gegenübers entsprechend ab. Diese Blickabweichungen könnten sich negativ auf die Bewertung auswirken – befürchten nicht nur Bewerbende, sondern legt auch die Forschung nahe. Stimmt das? Und wenn ja, wie lässt es sich vermeiden?
Studien zeigen: Vor allem stärkere Blickabweichungen wirken sich negativ aus
Prof. Dr. Johannes Basch und Prof. Dr. Klaus Melchers sind diesem Fragekomplex in zwei experimentellen Studien mit asychronen Videos nachgegangen. Untersucht wurden dabei sowohl vertikale Blickabweichungen (Blick richtet sich unter- oder oberhalb der Kamera aus) als auch horizontale (Blick richtet sich links oder rechts neben der Kamera aus, etwa auf einen externen Bildschirm).
Aus den Ergebnissen zogen die Forscher folgende Erkenntnisse: Geringfügigere vertikale Abweichungen des Blickkontakts fallen weniger stark ins Gewicht – horizontale Abweichungen können die Wahrnehmung der Eignung von Bewerberinnen und Bewerbern allerdings durchaus negativ beeinflussen. Das heißt, diese Personen werden bei gleichen Interviewantworten mit geringerer Wahrscheinlichkeit eingestellt. Zudem kann jede Form von Blickabweichung die Gesprächsqualität beeinträchtigen und damit zu einer geringer wahrgenommenen sozialen Präsenz beitragen. Auch das führt womöglich dazu, dass die Leistung von Kandidatinnen und Kandidaten schlechter bewertet wird.
Praxistipp: Einfach mal zurücklehnen
Bewerberinnen und Bewerbern müssen sich bei gängigen Kamerasettings mit nur geringen Abweichungen im Blickkontakt also nicht übermäßig um ihre Leistungswahrnehmung sorgen, sagt Prof. Dr. Johannes Basch. Dennoch kann es von Vorteil sein, wortwörtlich ein Auge darauf zu haben, dass diese Abweichungen nicht überhand nehmen. Das könnte beispielsweise bedeuten, das Gegenüber auf dem Bildschirm näher an die Kameraposition zu rücken und sich selbst etwas zurückzulehnen. Mit diesem kleinen Trick lässt sich der Ablenkungswinkel nämlich so minimieren, dass nicht nur ein nahezu direkter Blickkontakt möglich ist, sondern auch die Reaktionen des Gegenübers wahrgenommen werden können.
Und nicht nur auf Jobsuche, sondern grundsätzlich gilt: Kameraeinstellungen mit horizontal abweichendem Blickkontakt sollten besser gänzlich vermieden werden, um die Gesprächsqualität nicht zu beeinträchtigen.
Zur Publikation
Basch, Johannes M.; Melchers, Klaus G. (2024): Here’s Looking at You: Does Eye Contact in Video Interviews Affect How Applicants are Perceived and Evaluated? In: Journal of Business and Psychology. Online unter: https://link.springer.com/article/10.1007/s10869-024-09981-4
Ansprechparter
Prof. Dr. Johannes Basch






