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Stephanie Reiner in Großbritannien

26.05.2025, Training:

Prof. Stephanie Reiner, Nachwuchsprofessorin für Innovative Didaktik, nahm an einem Intensivsprachtraining zum Thema English Medium Instruction (EMI) für Hochschullehrende teil. Das Training wurde vom Bayerischen Zentrum für Innovative Lehre (BayZiel) organisiert und fand an der renommierten Bell Language School in Cambridge, Großbritannien, statt. Im Rahmen des Programms vertiefte Prof. Reiner ihre sprachlichen, interkulturellen und didaktischen Kompetenzen für die Durchführung englischsprachiger Lehrveranstaltungen. Ihre Eindrücke und Erfahrungen aus dem Training können Sie hier nachlesen.
Name
Prof. Stephanie Reiner
Fakultät/Abteilung
Informationsmanagement
Anlass
Erasmus+ Staff Mobility for Training
Institution
Bell Language School
Ort
Cambridge, Großbritannien
Zeitraum
September 2024

Was war Ihre Hauptmotivation?

Ich habe an dem dreiwöchigen Intensivsprachtraining in der Bell Language School in Cambridge teilgenommen, weil ich meine Lehrkompetenz im internationalen Kontext gezielt weiterentwickeln wollte. Mein Wunsch war es, nicht nur meine Englischkenntnisse zu vertiefen, sondern auch didaktische Methoden für die englischsprachige Hochschullehre kennenzulernen. Ein Schwerpunkt des Trainings war die sogenannte EMI-Methode (English Medium Instruction) ‒ ein didaktischer Ansatz, der Studierende mit unterschiedlichen sprachlichen Hintergründen in englischsprachigen Kursen gezielt unterstützt. Besonders geeignet ist diese Methode für multikulturelle Lerngruppen, wie sie zunehmend an bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAWs) vertreten sind. 

Cambridge ‒ ein Ort der Inspiration

Neben fachlichen Inhalten war der interkulturelle Austausch besonders bereichernd. Das Training bot wertvolle Einblicke in die britische Lernkultur und in lernerzentrierte Lehransätze. Cambridge ist ein faszinierendes Reiseziel: Die Stadt vereint akademische Exzellenz und jahrhundertealte Tradition mit lebendiger, internationaler Kultur. Zwischen historischen Colleges, weitläufigen Parks und idyllischen Uferlandschaften lässt sich nicht nur hervorragend lernen, sondern auch entspannen und entdecken. Ob bei einem Spaziergang durch die ehrwürdigen Universitätsgärten, einer Punting-Tour auf dem Fluss Cam oder einem Besuch in einem der zahlreichen Museen ‒ Cambridge bietet eine inspirierende Umgebung für persönliche und berufliche Weiterentwicklung. Gleichzeitig fördert die Stadt ein feines Gespür für kulturelle Nuancen ‒ ein Aspekt, der in der englischsprachigen Hochschullehre eine zentrale Rolle spielt und durch den Aufenthalt für mich noch greifbarer wurde.

Hatten Sie Bedenken?

Zu Beginn meiner Reise hatte ich keinerlei Bedenken ‒ ich fühlte mich gut vorbereitet, und das BayZiel hatte alles hervorragend organisiert. Das Leben in einer Gastfamilie war zwar zunächst ungewohnt, entpuppte sich aber als echter Glücksgriff: Bei gemeinsamen Abendessen lernte ich viel über die britische Kultur ‒ und in meiner „Gastmutter“ fand ich eine aufmerksame Zuhörerin für mein Promotionsprojekt.

Ob bei einem Spaziergang durch die ehrwürdigen Universitätsgärten, einer Punting-Tour auf dem Fluss Cam oder einem Besuch in einem der zahlreichen Museen ‒ Cambridge bietet eine inspirierende Umgebung für persönliche und berufliche Weiterentwicklung.

Prof. Stephanie Reiner

Würden Sie einen Auslandsaufenthalt weiterempfehlen? Warum?

Unbedingt! Während meiner langjährigen Forschungstätigkeit in europäischen Bildungsprojekten habe ich erlebt, wie bereichernd die Zusammenarbeit mit Menschen aus unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Hintergründen sein kann. Gerade wegen der Internationalisierung an Hochschulen ist es essenziell, Studierende darauf vorzubereiten, dass Vielfalt in Akzenten und Ausdrucksweisen die Norm ist ‒ nicht die Ausnahme. Englisch ist längst zur globalen Verkehrssprache geworden und nicht nur Muttersprachlerinnen und Muttersprachlern vorbehalten. Ein Akzent ist kein Makel, sondern Ausdruck sprachlicher Identität und kultureller Vielfalt. In Cambridge habe ich gelernt, wie eine solche Haltung dazu beiträgt, dass sowohl Studierende als auch Lehrende mit mehr sprachlicher Selbstwirksamkeit und interkultureller Kompetenz in der Fremdsprachenkommunikation auftreten. Im europäischen Kontext lässt sich diese inklusive Sprachauffassung besonders deutlich im Konzept des Euro-Englisch beobachten: ein funktionales, mehrsprachig geprägtes Englisch, das sich flexibel an unterschiedliche Kommunikationssituationen anpasst und bewusst auf sprachliche Perfektion verzichtet. Es schafft eine gemeinsame sprachliche Grundlage für Austausch und Zusammenarbeit in Europa und stellt Offenheit sowie gegenseitigen Respekt in den Mittelpunkt. Auf diese Weise stärkt sie auch die europäische Wertegemeinschaft. Das Intensivsprachtraining von BayZiel ist in diesem Zusammenhang eine hervorragende Gelegenheit, sich sprachlich, interkulturell und didaktisch weiterzuentwickeln – praxisnah, interaktiv und in einem inspirierenden akademischen Umfeld.

Fun Fact

In Cambridge genießt der gepflegte Rasen beinahe kultischen Status. Schilder wie „Bitte den Rasen nicht betreten“ erinnern daran, dass Grünflächen hier nicht einfach öffentlich sind ‒ sie symbolisieren Tradition, Ordnung und akademische Exklusivität. In manchen Colleges dürfen nur ausgewählte Personen den Rasen betreten. Stellen wir uns vor, an der Hochschule Neu-Ulm stünde ein Schild: „Bitte den Wileypark nicht betreten (nur für Hochschulangehörige)." Das würde bei uns vermutlich für Stirnrunzeln oder Schmunzeln sorgen ‒ und vielleicht sogar eine öffentliche Debatte auslösen. In Deutschland sind öffentliche Flächen wie Campuswiesen in der Regel frei zugänglich. Der Gedanke, dass Grünflächen nur einer bestimmten Gruppe vorbehalten sein könnten, widerspricht dem verbreiteten Ideal von Teilhabe ‒ auch im Bildungskontext. Seit meinem Aufenthalt in Cambridge erinnert mich der Wileypark immer wieder daran, wie unterschiedlich Bildungsräume gestaltet werden. Inspiriert zu diesen Gedanken hat mich auch das Kunstprojekt „Dinky Doors (öffnet neues Fenster)“ in Cambridge ‒ eine Sammlung liebevoll gestalteter Miniaturtüren, die versteckt im Stadtraum platziert sind. Diese geheimnisvollen kleinen Türen laden dazu ein, mit neugierigem Blick durch die Stadt zu streifen, verborgene Geschichten zu entdecken und die eigene Vorstellungskraft zu entfalten.  

Was haben Sie aus Ihrer Zeit im Ausland mitgenommen?

Aus hochschuldidaktischer Sicht war der Aufenthalt in Cambridge für mich ein großer Gewinn: Im EMI-Training lernte ich praxisnahe Methoden wie Instruction Checking Questions (ICQ) und Concept Checking Questions (CCQ) kennen. Diese Techniken stärken nicht nur die Interaktion mit den Studierenden, sondern helfen auch, Sprachbarrieren abzubauen und den Lernenden Mut zu machen, Englisch als Kommunikationsmittel zu nutzen. Ein zentraler Bestandteil dieser Herangehensweise ist die Förderung metakognitiver Lernstrategien ‒ etwa durch die Reflexion fachspezifischer englischer Begriffe oder das Anregen von Denkprozessen, die Studierende dazu befähigen, ihr Lernen bewusst zu steuern. Was ich aus meiner Zeit in Cambridge besonders mitnehme, ist die zentrale Bedeutung metakognitiver Kompetenzen in der Hochschullehre ‒ insbesondere im englischsprachigen Kontext. Studierende sollten nicht nur darin begleitet werden, was sie lernen, sondern auch wie sie lernen. Nur so können sie sich in komplexen Lernumgebungen sicher bewegen und erwerben zugleich das notwendige Rüstzeug, um den Anforderungen einer globalisierten und dynamischen Arbeitswelt souverän zu begegnen.

Wurden Ihre Erwartungen erfüllt?

Mein Rucksack an Erwartungen war gut gefüllt, als ich nach Cambridge aufbrach. Ich wollte meine sprachlichen und didaktischen Kompetenzen für die englischsprachige Lehre gezielt weiterentwickeln ‒ und endlich einen authentischen Einblick in die britische Kultur gewinnen. Besonders reizvoll war dies für mich auch deshalb, weil ich bereits mehrere Sprachaufenthalte auf Malta absolviert hatte und eine persönliche Verbindung zur maltesischen Kultur habe. Dort hatte ich erlebt, wie stark die Gesellschaft durch die britische Kolonialgeschichte geprägt ist. Diese Erfahrungen hatten meine Neugier auf das Vereinigte Königreich selbst geweckt ‒ auf seine akademische Kultur, seine Lehrtraditionen und seine gesellschaftlichen Kontexte. Zurückgekehrt bin ich mit weit mehr, als ich mir erwartet hatte: Neben fundierten Kenntnissen in der EMI-Methodik und praxisnahen Lehrstrategien war es vor allem der interdisziplinäre und interkulturelle Austausch, der meinen Aufenthalt so bereichernd machte. Zahlreiche ungeplante Lernmomente ‒ in Gesprächen, im Seminarraum oder einfach beim Erkunden der Stadt ‒ haben mir wertvolle Impulse für eine reflektierte, kultursensible Hochschuldidaktik gegeben.  

Bell Language School in Cambridge

Gibt es etwas, das Sie über Ihre Erfahrungen im Ausland hervorheben möchten?

Ein besonderer Mehrwert meines Aufenthalts ‒ insbesondere in meiner Rolle als Nachwuchsprofessorin ‒ war der intensive Austausch mit anderen, teils sehr erfahrenen Hochschullehrenden. Die Gespräche boten mir wertvolle Einblicke in unterschiedliche Fachdisziplinen und deren didaktische Ansätze in englischsprachigen Lehrveranstaltungen. Besonders inspiriert hat mich die Diskussion über den Einsatz von Artefakten in der Lehre ‒ also von realen Gegenständen als Impulsgeber für fachliche Inhalte. Diese Perspektive hat meinen Blick auf die Gestaltung von Lehr-Lern-Situationen nachhaltig erweitert. Während der Einsatz von Artefakten in den Naturwissenschaften weit verbreitet ist, hatte ich als Betriebswirtin bislang kaum damit gearbeitet. Das hat sich inzwischen grundlegend geändert: In meiner Vorlesung zur Speziellen BWL bringe ich beispielsweise (ungetragene) Schuhe mit ‒ verbunden mit der Frage: Aus wie vielen Komponenten besteht ein Schuh? Diese anschauliche Einstiegssituation schafft nicht nur einen greifbaren Zugang zu zentralen Themen der Unternehmensführung und Materialwirtschaft, sondern weckt auch Neugier und fördert die aktive Beteiligung der Studierenden. Durch die Verbindung eines alltäglichen, vertrauten Gegenstands mit einer betriebswirtschaftlichen Fragestellung wird ein komplexes Thema unmittelbar erfahrbar ‒ ein didaktischer Zugang, der sowohl kognitiv als auch emotional wirkt und das Lernen nachhaltig unterstützt. Gerade in der englischsprachigen Hochschullehre erweist sich der Einsatz von Artefakten als besonders wirkungsvoll: Sie fördern multisensorisches Lernen und erleichtern den Zugang zu komplexen fachlichen Inhalten. Gleichzeitig helfen sie, Sprachbarrieren zu überwinden und unterstützen den Aufbau von Sprachkompetenz, indem sie Inhalte kontextualisieren und zur aktiven Auseinandersetzung anregen. Alltagsgegenstände ‒ etwa ein einfacher Schuh ‒ schaffen emotionale Resonanz und eröffnen interkulturelle Perspektiven. So kann ein scheinbar banales Objekt zum Ausgangspunkt für Diskussionen über Produktionsbedingungen, Konsumverhalten oder Designtrends in verschiedenen Ländern werden ‒ und damit nicht nur fachliche, sondern auch gesellschaftliche und interkulturelle Lernprozesse anstoßen.

Impressionen aus Großbritannien