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Algorithmen und Intuition: HNU-Managementforum mit Dr. Marvin Neumann 

20.01.2026, Pressemitteilung :

Wer entscheidet besser – Mensch oder Algorithmus? Und welche Rolle spielt die menschliche Intuition dabei? Diese und weitere Fragen standen im Mittelpunkt des Managementforums am 15. Januar 2026 an der Hochschule Neu-Ulm (HNU): Referent Dr. Marvin Neumann lud die Teilnehmenden auf eine interaktive Reise durch die Welt der Entscheidungsforschung ein und beantwortete in einer lebhaften Diskussion Fragestellungen rund um den Einsatz von simplen Algorithmen in der Personalauswahl. 

Dr. Marvin Neumann promovierte in Groningen und forschte u.a. in Minnesota (USA). Seit 2023 ist er Juniorprofessor für Organisationspsychologie an der Freien Universität Amsterdam. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Entscheidungsfindung im Kontext der Personalauswahl; dabei adressiert seine praxisnahe Forschung insbesondere die Verbesserung von Entscheidungsprozessen durch (simple) Algorithmen. Er publiziert regelmäßig und berät Organisationen und Unternehmen wie das niederländische Verteidigungsministerium, die Polizei oder Bosch. 

Seine Präsentation im Rahmen des Managementforums stand unter dem Titel „Wie können simple Algorithmen und Intuition Entscheidungen verbessern?“. Begrüßt wurde er von Vizepräsident Prof. Dr. Jens Kolb; Prof. Dr. Johannes Basch übernahm seine Vorstellung. 

Simpler Algorithmus versus Intuition – wer berät besser? 

Algorithmen müssen nicht kompliziert sein, betonte Dr. Marvin Neumann gleich zu Beginn des Vortrags. Seine Forschung beschäftigt sich mit Entscheidungsregeln, deren Ziel es ist, die wahrgenommene Komplexität zu reduzieren und den Blick auf den Kern zu lenken: die Kombination von Informationen. Diese kann holistisch – und damit eher intuitiv – oder algorithmisch erfolgen. Während Menschen Informationen häufig „aus dem Bauch heraus“ zusammenführen (holistische Kombination), folgen Algorithmen festen, konsistenten Regeln (algorithmische Kombination). Die empirische Befundlage ist hierbei eindeutig: Algorithmen schlagen die menschliche Intuition. 

Bias und Noise: eine interaktive Annäherung 

Ein wesentlicher Grund dafür, erklärte der Experte, liegt in der Reduktion von Bias und Noise; zwei Phänomene der Entscheidungsfindung, die er dem Publikum mittels eines Maßband-Experiments veranschaulichte. Der kleine Versuch vor Ort bestätigte: Menschen unterliegen nicht nur kognitiven Verzerrungen (Bias), sondern urteilen auch inkonsistent (Noise), und das sowohl im Vergleich zu anderen als auch zu sich selbst zu unterschiedlichen Zeitpunkten. Algorithmen eliminieren diese ungewünschten Effekte und sind damit deutlich verlässlicher als menschliche Expertenurteile. Besonders interessant für die Personalauswahl: HR-Expertinnen und -experten treffen Dr. Neumann zufolge nicht automatisch bessere intuitive Entscheidungen als Laiinnen und Laien. Vielmehr neigen erstere dazu, Informationen zu komplex zu verarbeiten. Auch Informationsfülle führt eher zu einer höheren Komplexität als zwangsläufig zu besseren Entscheidungen. Ausschlaggebend ist also weniger individuelle Erfahrung oder Datenfülle als vielmehr die Struktur des Entscheidungsprozesses. 

Autonomie als eine der größten Hürden im Umgang mit algorithmischer Entscheidungsfindung 

So einig sich die Forschung ist, so unpopulär sind algorithmische Entscheidungen nach wie vor in der Praxis. Holistische Entscheidungsfindung genießt eine deutlich höhere Akzeptanz – ein Effekt, der bereits in den 1980ern nachgewiesen wurde und sich auch in aktuellen Studien zeigt. Die Forschung des Referenten setzt genau hier an: Wie lassen sich Entscheidungsprozesse gestalten, die sowohl akkurat als auch akzeptiert sind?

Als eine zentrale Hürde und gleichzeitig möglichen Hebel identifizierte Dr. Neumann das Bedürfnis nach Autonomie: Menschen bräuchten das Gefühl, selbst Einfluss auf Entscheidungen zu nehmen. Bereits die Möglichkeit, eigene Einschätzungen als Input einzubringen oder Abweichungen zu begründen, erhöht sowohl Akzeptanz als auch Entscheidungsqualität. Entlang mehrerer Studien beleuchtete der Referent, inwiefern hybride Modelle, bei denen Menschen einen Algorithmus selbst entwerfen oder beeinflussen konnten, erfolgreicher abschnitten als eine rein holistische Herangehensweise. 

„Praktizieren Sie algorithmische Entscheidungsfindung“ 

Das Fazit für die Praxis fiel entsprechend deutlich aus: Algorithmische Entscheidungsfindung sollte genutzt werden, nicht zuletzt, weil sie Prozesse sowohl akkurater als auch transparenter, schneller und kostengünstiger macht. „Praktizieren Sie algorithmische Entscheidungsfindung“, empfiehlt der Entscheidungsforscher. „Sie werden immer noch Fehler machen – aber relativ gesehen weniger“. 

Diskussion mit dem Publikum: Autonomie, Verantwortung und Macht 

Der Vortrag mündete in einer lebhaften Diskussion über pragmatische und ethische Fragen algorithmischer Entscheidungen. Deutlich wurde dabei vor allem eines: Die größte Herausforderung liegt häufig weniger in der technischen Umsetzung als in der psychologischen Akzeptanz.

Über das HNU-Management-Forum

Die HNU lädt regelmäßig Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft dazu ein, im HNU-Managementforum über aktuelle, praxisnahe Themen aus den unterschiedlichen Bereichen der Unternehmensführung zu berichten und ihren wertvollen Erfahrungsschatz zu teilen. 

Ansprechpartner
Prof. Dr. Jens Kolb